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Der wirtschaftliche Strukturwandel in Thüringen und seine
Auswirkungen auf die Raumordnung und Stadtentwicklung
Dargestellt an der Entwicklung des Einzelhandels von 1989 bis 1999
mit Schlußfolgerungen für eine zukünftige aktive Raumordnungs- und
Stadtentwicklungspolitik für Thüringen
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Dissertation von Christian Huck
Diplom-Ingenieur, Weimar
Thesen zur Dissertation
1. Im Zuge des wirtschaftlichen Transformationsprozesses in den Neuen
Bundesländern als auch in Thüringen hat die Entwicklung des Einzelhandels wie
kein anderer Wirtschaftszweig Raumstruktur und Stadtstrukturen tiefgreifend
verändert. Eine permanente Suburbanisierung hat zu einer Stadtentwicklung nicht
mehr in, sondern zwischen den Städten geführt.
Ergebnis ist eine Dezentralität der Zentralität. Analyseergebnisse der
Standort- und Flächenentwicklung des Einzelhandels in Thüringen sind:
-
Eine Handelsstruktur mit einem 73 %igen Anteil an
großflächigem Einzelhandel an peripheren Standorten.
-
Ein Landschaftsverbrauch von ca. 4,6 Millionen m²
Landschaft.
-
Ein Gesamthandelsbesatz von ca. 3,75 Mio. m²
Verkaufsfläche 1998 (Entspricht 1,5 m² Verkaufsfläche je Einwohner; Im
Vergleich der Alten Länder: 1,31 m²).
- Eine weitere Präferenz der peripheren Handelsstruktur durch
Verdopplung des Motorisierungsgrades seit 1989 in den Neuen Ländern.
2. Die rein wettbewerbsgesteuerte Handelsentwicklung in den Neuen
Bundesländern hat im Vergleich zu den Alten Bundesländern zu einem höheren
Konzentrationsgrad der Flächen und Unternehmen und zu einer stärkeren
Filialisierung mit eingeschränktem Betriebsformenmix geführt. Ergebnis ist ein
Übergewicht des sekundären Handelsnetzes an peripheren Standorten.
Analyseergebnisse zur Netz- und Unternehmensstruktur des Handels in Thüringen
sind:
3. Die nur sporadische Einflussnahme der Raumordnung in der Prozesssteuerung
zur Standortansiedlung des Einzelhandels führte zu einer Schwächung der
zentralen Orte bei Vernachlässigung des primären Handelsnetzes. Die Zentralität
der Orte wurde durch die standörtliche Suburbanisierung des Handels, also durch
deren Dezentralität unterlaufen.
Die Einflussnahme der Raumordnung war nur sehr begrenzt, weil
-
die Grundziele der Raumordnung zwar mit Wirksamwerden des
Thüringer Landesplanungsgesetzes vom 17. Juli 1991 in Thüringen gesetzlich
verankert, die Ziele einer ausgewogenen Handelsstrukturentwicklung in ihren
Grundzügen aber erst im Landesentwicklungsprogramm von 1993 fixiert wurden.
-
in einem "gesetzlosen" Zeitraum zwischen bereits
legitimierten kommunalen Institutionen und noch nicht gewählter und
arbeitsfähiger Landesregierung übermäßig viele periphere Handelsstandorte
durch bereits funktionierende Landratsämter genehmigt wurden.
-
die Umlandgemeinden der großen Städte durch die absolute
Gewährung der Planungshoheit zu den Verursachern dieser unausgewogenen
Handelslandschaften geworden sind.
- trotz Beeinflussung auch von Seiten des Verfassers zwar das
größte periphere Einkaufszentrum Thüringens (71.850 m² Verkaufsfläche) in
Erfurt-Egstedt verhindert werden konnte, aber zu diesem Zeitpunkt bereits eine
lawinenartige Entwicklung auf den Weg gebracht wurde, die durch
raumordnerische Einflussnahme nicht mehr aufzuhalten war.
Untersuchungsergebnis ist, dass auch weiterhin
4. Die Verzögerung des wirtschaftlichen Transformationsprozesses in den Neuen
Bundesländern führt zu weiteren Differenzierungen in der Kaufkraft und im
Kaufverhalten und damit zu weiteren Disparitäten in die Handelsstruktur, die
wiederum eine weitere Schwächung des primären Handelsnetzes zur Folge haben und
eine kompakte Stadtentwicklung maßgeblich behindern.
-
Die durchschnittliche Kaufkraft erreichte 1998 in den Neuen
Ländern 73,3 % des altbundesdeutschen Durchschnitts (Brandenburg:
73 %, Thüringen: 72,5 %; Im Vergleich der Alten Bundesländer:
Hamburg mit 110 %, Hessen mit 102,9 %, Saarland mit 87 %).
-
Die Kaufkraft wird weiterhin determiniert durch eine
Wirtschaftskraft von ca. 60 % und eine Produktivität von ca. 59 % im
Vergleich zu den Alten Ländern.
Ergebnisanalyse zur Kaufkraft und Handelsstruktur aller thüringer Städte ist:
-
Die Kaufkraft entwickelt sich proportional zu
Wirtschaftskraft und Arbeitsplatzangebot (1999: Jena mit 91,5; Erfurt und
Weimar mit 83,5).
-
Die Handelszentralität wird bestimmt durch
Handelsmagnetfunktionen in den Zentren, attraktivem Angebotsmix von
Handelsflächen mit hoher Innenstadtrelevanz, Freizeit, Dienstleistungen,
kulturellen Einrichtungen und dem Kaufkraftzufluss aus der Region.
- das Ansiedlungsinteresse des Handels korreliert signifikant
positiv mit der Zentralität und dem Mietpreis während das Potenzial für
Kaufkraftbindung vornehmlich durch anspruchsvolle Kaufumgebungskonzepte
bestimmt wird.
5. Der Wertewandel in Deutschland mit dem Trend zur Freizeitgesellschaft hat
mittel- bis langfristige Auswirkungen auf das Kaufverhalten. Der Erlebniskonsum
wächst schneller als der Versorgungskonsum. Die nach wie vor unterschiedlichen
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse zwischen Alten und Neuen
Bundesländern bewirken wiederum eine weitere Stärkung das sekundären
Handelsnetzes in den Neuen Bundesländern.
-
Die alte Dualität zwischen Freizeit und Arbeit löst sich
immer mehr auf.
-
Die Gestaltung der Freizeit wird nach Konsum und Wohnen
verstärkt zum herausragenden Statussymbol.
-
Eine stärkere Freizeit- und Erlebnisorientierung zeigt sich
als Folge der Flucht vor dem Alltagsstress.
-
Sozio-demographische und sozio-ökonomische Entwicklungen
führen weiterhin zur Ausgabenverringerung im Einzelhandel. Das
Kaufkraftpotenzial wird nur noch zu einem Drittel im stationären Einzelhandel
wirksam.
-
Die zunehmende Motorisierung und Mobilitätsbereitschaft
führt zu einer Bevorzugung von peripheren großflächigen
Einzelhandelsunternehmen.
-
Das Kaufverhalten in den Neuen Ländern unterscheidet sich
nach wie vor erheblich von dem in Westdeutschland - wegen der geringeren
Kaufkraft wird verstärkt auf den preisbewussten Einkauf orientiert.
-
Mit einem Bevölkerungsrückgang und der geringeren Kaufkraft
in den Neuen Ländern entsteht nur zögerlich eine ausgewogenen Handelsstruktur.
- Mittel- bis Hochpreisanbieter des Einzelhandels, die in
innerstädtischen Lagen der Alten Länder eine Bereicherung darstellen, fehlen
in den Neuen Ländern. Damit ist bisher nur Einfalt statt Vielfalt entstanden.
6. Die Einzelhandelsunternehmen versuchen durch Konzentration, wachsende
Internationalisierung, Differenzierung, Spezialisierung, Verschärfung des
Wettbewerbes durch Preiskampf und Verkaufsflächenzuwachs, Substituierung von
Arbeitskräften durch Verkaufsfläche und weiteres Wachstum von Betriebsformen in
preisaggressiven Segmenten ihre Marktpositionen zu festigen. Ergebnis ist
wiederum eine weitere Stärkung des sekundären Handelsnetzes mit einer Schwächung
der Zentralität der Orte.
- Die dynamische Entwicklung von großflächigen Betriebsformen
des Einzelhandels, wie
-
Selbstbedienungs- und Verbrauchermärkten in den 70iger
Jahren,
-
Fachmärkten mit Beginn der 80iger Jahre,
-
Shopping Center Mitte der 80iger Jahre,
-
Urban Entertainment Center Mitte der 90iger Jahre und
-
Factory Outlet Center Ende der 90iger Jahre zielt auf
Kostenreduzierung durch Kostenverlagerung auf den Kunden (Abbau von
Verkaufs- und Produktberatung) und auf die Allgemeinheit (Externalisierung
von Transport- und Umweltkosten).
-
In der räumlichen Angebotsstruktur führt das zu einem
Rückzug des Handels aus der Fläche (Orientierung aus wirtschaftlichen Gründen
auf Großflächen und verkehrsorientierte Standorte), zu einer zunehmenden
Standortverlagerung in das Umland (Verlust der wohnungsnahen Versorgung
immobiler Käufergruppen), zu einem Anwachsen des sekundären Handelsnetzes und
damit zu einer Schwächung der Zentralität der Orte.
- Neue Handelsangebotsformen, wie das mediale Handelsnetz
E-Commerce werden mittel- und langfristig Umsatzanteile erlangen und
Einzelhandelsflächen hauptsächlich aber im sekundären Handelsnetzbereich
freisetzen.
7. Spezielle Einzelhandelsbetriebsformen ermöglichen eine Stärkung des
primären Handelsnetzes bei gezielter Standortansiedlung in den Städten.
-
Die Angebotsseite im Handelsflächenmietmarkt hat sich durch
ein Überangebot an Handelsflächen im peripheren Bereich so verändert, dass die
zu zahlenden Mietpreise für die Zentrumslagen erheblich gefallen sind. Damit
sind die wirtschaftlichen Bedingungen für die Anmietung größerer
innerstädtischer Flächen verbessert. Für die Revitalisierung der Innenstädte
sind damit günstige Ausgangspositionen gegeben.
- Urban Entertainment Center (UEC) als neue Standort- und
Betriebsform in Verknüpfung von Freizeit- und Einzelhandelsnutzung generieren
Kunden- und damit auch Kaufströme in die Städte hinein und befördern damit die
Revitalisierung der Städte. Für die Neuen Länder ist dies eine der wenigen
Möglichkeiten, Kaufkraft und Kundenströme wieder in die Städte
zurückzubringen.
8. Die Zentralität der Städte ist durch die Zentralität des Handels
zurückzugewinnen. Eine gezielte Steuerung im Rahmen von Raumordnung und
Stadtentwicklung kann diesen Prozess erfolgreich begleiten.
-
Die räumliche Planung ist einem wachsenden wirtschaftlichen
Druck ausgesetzt, der wegen der anhaltenden Individualisierung der
Gesellschaft und einer zunehmenden Ausdifferenzierung der Lebensstile weiter
anwächst. Diese divergierenden Entwicklungen, einerseits ein Abdriften des
Allgemeinwohls in wirtschaftliche und private Einzelinteressen andererseits
eine Begrenztheit der natürlichen Ressourcen, bedürfen einer geänderten
Planungsgrundhaltung.
-
Das Konfliktpotenzial zwischen raumordnerischen
Leitvorstellungen und wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen wird auch
weiterhin bestehen bleiben, beziehungsweise sich in einzelnen Bereichen wie z.
B. in der Handelsstrukturentwicklung weiter verschärfen.
- Allerdings kann das räumliche Planungssystem ökonomische und
gesellschaftspolitische Trends nicht umkehren, sondern nur kanalisieren und in
ein räumliches Gesamtsystem einbauen.
9. Die Stadtentwicklung muss in ihren Grundprinzipien auf Leitbilder der
Nutzungsmischung, Nachhaltigkeit und Kompaktheit orientieren. Kompakte
Stadtentwicklung heißt, die Zentralität der Orte mit der Aufwertung ihrer
zentralen Bereiche durch den Einzelhandel entsprechend ihrer Stellung im
Siedlungssystem wiederzuerlangen, die weitere Handelssuburbanisierung durch die
Wiedernutzung brachgefallener Flächen in den Städten zu stoppen und die Ränder
zu verfestigen. Nur durch aktive Umsetzungsstrategien können diese Leitbilder
verwirklicht werden.
Nach Verfasserberechnung werden unter Ansatz der weiteren wirtschaftlichen
Entwicklung (Kaufkraftsteigerung, Bedürfnisentwicklung der Konsumenten) in
Thüringen bis zum Jahr 2010 zusätzlich ca. 225.000 m² reine
Einzelhandelsfläche marktwirksam.
-
Diese perspektivischen Flächen sind standort-,
handelsnetzseitig, raumordnerisch und städtebaulich so einzuordnen, dass
langfristig eine Kongruenz zwischen dem Netz der zentralen Orte und dem
primären Handelsnetz wiederhergestellt werden kann.
-
Erfolgt hingegen eine weitere Stärkung des sekundären statt
des primären Handelsnetzes, ist also die Suburbanisierung nicht mehr zu
stoppen, werden die historisch gewachsenen Stadtstrukturen aufgesprengt, sie
"veröden".
-
Die Leitbilder wie Dezentrale Konzentration,
Nutzungsmischung, Nachhaltigkeit und kompakte Stadt liefern dabei eine
wichtige Orientierung, auch unter dem Gesichtspunkt gesamteuropäischer
Entwicklung (EUREK).
-
Die Leitfunktion des Einzelhandels für die Innenstädte ist
damit weiter zu präferieren.
- Als einer der größten Investoren in den Innenstädten
entscheidet der Handel über die Zukunft der Städte, sowohl in Hinsicht ihrer
Lebendigkeit als auch in der Sicherung als Arbeitsplatzstandort.
10. Eine neue Raumordnungs- und Stadtentwicklungspolitik ist notwendig, die
die Instrumente der Raumordnung mit Mitteln der Wirtschaftsförderung zur
effizienten Prozesssteuerung unter Wahrung einer nachhaltigen Raumentwicklung
kombiniert.
-
Die Angebotsplanung umfasst die Entwicklung von regionalen
Entwicklungskonzepten für den Einzelhandel auf der Grundlage einer
Gesamtanalyse zur Qualifizierung der landesplanerischen Dokumente
(Landesentwicklungsprogramm, Regionale Raumordnungspläne) im
Gegenstromprinzip.
-
Die Wirtschaftsförderung beinhaltet die Rahmenbedingungen
für die freie Entfaltung der Unternehmen, die Förderung des städtischen
Umfeldes und die Beförderung der Kooperationen zwischen Kommunen und
Einzelhandel. Dabei müssen die Ausgangsbedingungen der innerstädtischen
Entwicklungen denen der peripheren Standorte durch Novellierung der
Bauordnung, Einbeziehen externer Kosten, Stellplatzablösegebühren bzw.
Besteuerung des Standortes "Grüne Wiese" gleichgestellt werden.
-
Die Ansiedlungssteuerung soll die Leitfunktion des
Einzelhandels für eine künftige nachhaltige Stadtentwicklung umsetzen und
durch Verschärfung der landesplanerischen Rechtsinstrumente eine subtilere
Beurteilung der raumrelevanten Auswirkungen von Einzelhandelsentwicklungen
ermöglichen. So soll der bisherige Schwellenwert zur Beurteilung der
Raumwirksamkeit von Einzelhandelsvorhaben von 700 m² Verkaufsfläche auf
300 m² herabgesetzt werden. Im Vorfeld ist das Raumordnungsgesetz des
Bundes mit seinen Leitvorstellungen und Aufgaben der Raumordnung als gültiges
Landesrecht zu übernehmen.
- Diese Angebotsplanungen sind als Umsetzungsstrategien durch
interkommunale Kooperation zu verwirklichen. In der ersten Stufe soll durch
den Aufbau eines Städtenetzes A 4 eine breite kommunale Plattform mit den
übergreifenden Aufgabenfeldern Wirtschaftsförderung einschließlich des
Handels, Technologietransfer, Kulturaustausch, Imagewerbung und Marketing
gebildet werden.
Weimar, im Dezember 2000
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