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Bundeshauptstadt Berlin, Strukturwandel in den neuen Ländern,
Osterweiterung der Europäischen Union - aus der Sicht der
Wohnungswirtschaft
25. und 26.06.2001 - Jahrestagung des Deutschen Verbandes für
Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V. in Berlin
Hans Jörg Duvigneau
Einleitung
Die aktuelle Krise der Berliner Landespolitik hat für die ganze
Bundesrepublik schlaglichtartig deutlich gemacht:
Berlin ist ein armes Bundesland. Die wirtschaftlichen Lasten aus
der Wiedervereinigung sind noch lange nicht bewältigt; die
erhofften wirtschaftlichen Chancen und Impulse haben zweifellos
den alten Bundesländern Wachstum beschert, in Berlin haben sie
nicht ausgereicht, die wirtschaftliche Situation der Stadt
nachhaltig zu konsolidieren.
Berlin ist nach wie vor eine geteilte Gesellschaft, was
Mentalität, Wertekanon, Sozialverhalten und politische
Präferenzen angeht. Die Durchdringung der beiden Gesellschaften
geht nur langsam voran. Trotz unbestrittener Verdienste der
großen Koalition hat es die Politik nicht geschafft, alle
Barrieren fortzuräumen, auf die sie Einfluß hat, z.B. im
Schulsektor, wo wir immer noch zwei verschiedene Welten haben :
Während die Teams bei der Polizei, der Feuerwehr, der BVG trotz
unterschiedlicher Gehälter für Ost- und Westbewohner schon
längst gemischt sind, haben von 35.000 Lehrern im Berliner
Schuldienst nur ca. 1 % in Lehrkörper der jeweils anderen
Stadthälfte gewechselt.
Der Immobiliensektor spielte in den 90er Jahren eine
herausragende Rolle in Politik und Wirtschaft: Übersteigerte
Erwartungen trieben erst die Grundstückspreise und
Immobilienwerte in die Höhe; angesichts des ausbleibenden
Nachfragebooms sind sie jetzt auf einen Tiefstand gefallen. Die
Affäre der Bankgesellschaft Berlin muß auch vor dem Hintergrund
dieser extremen Schwankungen der Immobilienwerte gesehen werden.
Die Situation am Wohnungsmarkt hängt eng mit dem Arbeitsmarkt
zusammen: hohe Arbeitslosigkeit wirkt sich auf die
Wohnungsnachfrage unmittelbar aus. Hier haben wir in Berlin und
in den Neuen Bundesländern (NBL) ebenfalls eine extreme
Situation, die es in den Alten Bundesländern (ABL) so nie
gegeben hat.
Die negativen Auswirkungen der Ereignisse auf die öffentliche
Meinung haben die alten Vorurteile in Bezug auf Berlin wieder
aufleben lassen, aber die ungeheuren Leistungen in dieser Stadt
völlig in den Hintergrund gedrängt.
1. Bundeshauptstadt Berlin
Die Planungsannahmen für die Entwicklung Berlins und der Region, die in den
FNP 1993/94 eingeflossen sind, mußten aufgrund der seither tatsächlich
eingetretenen Entwicklung erheblich zurückgenommen werden.
Besonders gravierende Veränderungen betreffen die Wirtschafts- und
Arbeitsplatzentwicklung und die demographische Entwicklung - Bevölkerung und
Haushalte.
1.1 Nur ganz wenige Zahlen zur Veranschaulichung der
Arbeitsplatzentwicklung:
Von 1989 - 1998 sind in Berlin von 1,8 Mio. Arbeitsplätzen insgesamt 370.000
verloren gegangen, das sind 20 % aller zum Zeitpunkt der Wende vorhandenen
Arbeitsplätze. Doch dies ist nur der kumulierte Gesamtsaldo aus
Arbeitsplatzverlusten (Regierung der DDR; Industriearbeitsplätze in beiden
Teilen Berlins) und Arbeitsplatzzuwächsen (vor allem im tertiären Sektor). Man
muß die einzelnen Sektoren differenziert betrachten, um die ganze Dramatik der
Situation zu erfassen:
Im Betrachtungszeitraum sind im sekundären Sektor allein rund 200.000
Industriearbeitsplätze weggebrochen, von den abgeleiteten Folgearbeitsplätzen im
verarbeitenden Gewerbe, im Handwerk und bei den Büroarbeitsplätzen gar nicht zu
reden. War es in Ostberlin die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Produkte an
sich, die zum Untergang ganzer Industriezweige führte, so war es in Westberlin
der abrupte Abbau der gewerblichen Bundesförderung, der der Westberliner
Industrie keine Chance gab, den Wegfall der Gewerbesubvention aufzufangen. Wir
müssen heute konstatieren, daß diese Politik der Regierung Kohl-Waigel ein
schwerer Fehler war. Die jährlichen Folgekosten aus Arbeitslosigkeit betragen
ein Vielfaches der Subventionen von seinerzeit.
Die insgesamt in Industrie und verarbeitenden Gewerbe freigesetzten rund 350.000
Beschäftigten hatten nur in geringem Umfang die Qualifikation, um in den
wachsenden Wirtschaftssektoren unterzukommen. Der Strukturwandel der Berliner
Wirtschaft war deshalb in den 90er Jahren geprägt von einem weit
unterdurchschnittlichem Wirtschaftswachstum und hoher Arbeitslosigkeit, die sich
trotz Nichterfassung von unfreiwilligen
Frührentnern, Umschülern, Arbeitslosen in Arbeitsbeschaffungs- und
Qualifizierungsmaßnahmen in den letzten Jahren hartnäckig zwischen 16 und 17 %
eingependelt hat; im Mai 2001 betrug der Anteil der so definierten Arbeitslosen
an der Erwerbsbevölkerung noch immer 15,7 %, gegenüber dem Bundesdurchschnitt
von 9 %.
Die Auswirkungen dieser Entwicklung auf den öffentlichen Berliner Haushalt sind
leicht vorstellbar: Stagnierende oder gar zurückgehende Steuereinnahmen stehen
hohen Sozialausgaben gegenüber.
Dennoch ist es Berlin in den letzten 7 Jahren gelungen, das Gesamtvolumen des
Haushalts zurückzuführen und den Anteil der eigenen Einnahmen aus Steuern und
Vermögensaktivierungen Jahr für Jahr zu steigern.
Bitte stellen Sie sich einmal vor, in einem der alten Bundesländer hätte es
einen vergleichbaren Abbau von Arbeitsplätzen aus exogenen Ursachen in so kurzer
Frist gegeben: Massenproteste wären die Folge gewesen. Bei Ankündigung der
Stillegung eines Stahlwerks in Duisburg Anfang der 90er Jahre, mit 800
betroffenen Arbeitsplätzen, waren nächtelang die Autobahnen mit brennenden
Autoreifen blockiert, bis eine sozialverträgliche Lösung für die betroffenen
Arbeitnehmerhaushalte gefunden war. -
Bevor man sich also das Maul zerreißt über die hohen Beiträge des Bundes und der
Länder zum Berliner Haushalt, sollte man sich bitte erstens die katastrophalen
wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in dieser Stadt vergegenwärtigen, sodann den
Modernisierungsbedarf und die Modernisierungsleistungen an technischer und
sonstiger öffentlicher Infrastruktur, für die andere Metropolen in den ABL 40
Jahre Zeit hatten, drittens die ganz konkreten Lasten aus dem Zusammenführen
zweier Stadthälften und ihrer Bevölkerungen, die 40 Jahre getrennt waren, und
schließlich viertens die Last der Verantwortung für lauter Institutionen des
einst reichen preußischen Staates, die heute ganz oder zu erheblichen Teilen in
der Zuständigkeit des Landes Berlin liegen.
1.2 Zum Berliner Wohnungsmarkt:
Anfang der 90er Jahre rechnete man mit einem Bevölkerungszuwachs im engeren
Verflechtungsraum der Berliner Region bis 2010 von rund 600.000 Einwohnern, der
sich mit jeweils 300.000 Personen auf Berlin und sein näheres Umland verteilen
sollte. Berlin sollte aufgrund dieser bescheidenen Wachstumsannahmen von 3,4
Mio. E (1990) auf 3,7 Mio E wachsen, der Wohnungsbestand von 1,7 Mio. WE (1990)
auf 2,0 Mio. WE (2010) zunehmen, was einem Neubaubedarf von 400.000 WE
entspricht (angesichts des Wegfalls von Wohnungen im Bestand durch Abriß,
Zusammenlegung etc.).
Das Wachstum im Berliner Umland hat stattgefunden:
- durch die in einer Stadtregion normale Stadt-Umland-Wanderung vieler
Berliner Familien, die in den Umlandgemeinden schneller und zu günstigeren
Preisen ihren Traum vom eigenen Haus mit Garten realisieren konnten als in
Berlin;
- durch eine unnormale Komponente, nämlich eine umfangreiche Bautätigkeit
von nicht am Markt und der Nachfrage orientierten Mietwohnungen an oft nicht
integrierbaren Standorten, realisiert allein wegen der steuerlichen
Sonderbedingungen in den NBL in den 90er Jahren - ein Danaergeschenk der
Regierung Kohl für die betroffenen Regionen, die überforderten Kommunen und
letztlich auch für die Bauherrn.
Berlin hat seinen Stadtentwicklungsplan Wohnen (STEP-Wohnen) als Teil des FNP
fortschreiben müssen. Angesichts stagnierender, ja, zurückgehender Bevölkerung
in den letzten Jahren geht man von einer stagnierenden Einwohnerentwicklung aus,
so daß sich auf der Basis des jetzt vorhandenen Wohnungsbestands von rund
1.850.000 WE, für dieses Jahrzehnt allenfalls aus "Eigenbedarf" ein
theoretisches Neubauvolumen von ca. 120.000 WE ergibt.
Eigenbedarf:
- Zuwachs an Haushalten auch bei stagnierender Bevölkerung,
- Ersatzbedarf für Abriß, Zweckentfremdung, Zusammenlegung von Wohnungen,
- Versorgungspolitisch erwünschte "Reserve" von 2 % des Wohnungsbestands
Der FNP bietet Raum für mehr als das Dreifache dieses Volumens. Soviel zum
stadtplanerischen Rahmen.
Ganz anders sieht die gegenwärtige Marktlage aus und wiederum anders die
Einschätzung derjenigen, die Wohnungen bauen, nämlich der Investoren.
In Berlin hatten zu Beginn der 90er Jahre der Bau von neuen und die
Instandsetzung und Modernisierung der Altbauwohnungen im Ostteil der Stadt hohe
Priorität - schließlich war der CDU geführte Senat unter Diepgen in den Wahlen
zum Abgeordnetenhaus Anfang 1989 auch an der Wohnungsfrage gescheitert und mußte
für 1 1/2 Jahre einer rot-grünen Koalition das Rathaus überlassen.
Zuwanderung von Aussiedlern aus Honeckers DDR nach Westberlin vor der Wende,
erhebliche Wohnungsengpässe nach der Wende hatten Anfang der 90er Jahre eine
Mangelsituation entstehen lassen, die den ersten CDU-SPD-Senat 1991 zu einer
verstärkten Wohnungsbaupolitik veranlaßte.
In der Tat sind in den 90er Jahren allein in Berlin aufgrund dieser Ausgangslage
teilweise unter Einsatz öffentlicher Mittel
- mindestens 200.000 Altbauwohnungen umfassend instandgesetzt, modernisiert
und in einen nachfragegerechten Zustand gebracht,
- 183.000 Wohnungen in den sog. Plattebauten der DDR-Neubausiedlungen aus
industrieller Großtafelbauweise modernisiert,
- 144.000 neue Wohnungen errichtet worden, sowie zusätzlich
- 95.000 neue Wohnungen im Umland Berlins
Eine gewaltige Leistung, an der alle Bauherrngruppen beteiligt waren.
Zusammen mit dem ausbleibenden Bevölkerungswachstum hat diese Anstrengung die
Wohnungsmarktlage völlig verändert: Anstelle von Mangel konstatieren wir heute
in Berlin ein Überangebot an Wohnungen in allen Segmenten. Der Leerstand an
sofort vermietbaren Wohnungen wird bei SenStadt auf ca. 100.000 WE geschätzt,
nicht enthalten die Wohneinheiten, die aus Anlaß von Inst.-Mod.-Maßnahmen oder
als Eigentumswohnungen zum Verkauf an Selbstnutzer vorgesehen sind und deshalb
leerstehen.
Der Wandel am Berliner Wohnungsmarkt muß vor dem Hintergrund extrem einseitiger
Eigentumsverhältnisse gesehen werden:
- Nur ca. 10 % aller Berliner Haushalte bewohnen eine Eigentumswohnung oder
ihr Eigenheim.
- Rund 750.000 WE entsprechend 40 % aller Berliner Wohnungen gehören
Unternehmen aus der Familie der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft, davon mehr
als die Hälfte den kommunalen Wohnungsunternehmen.
Ende 2000 standen in Berlin 45.000 WE = 5,9 % des Wohnungsbestands der
"Gemeinnützigen" leer: Im Ostteil Berlins knapp 9 %, im Westteil knapp 3 % ihres
Wohnungsbestands. Die Gründe für den Leerstand bei den Gemeinnützigen dürften
repräsentativ sein für den Leerstand insgesamt:
- Unsanierte Wohnungen im Altbaubestand, insbesondere in
restitutionsbetroffenen Wohnhäusern aus der Zeit vor 1914 im Ostteil der
Stadt. In diesem Segment fallen schlecht belichtete Wohnungen in Hinterhäusern
und Seitenflügeln der Gründerzeit völlig aus dem Markt;
- Unsanierte Wohnungen in Großtafelbaubeständen in den DDR-Großsiedlungen
aus industrieller Fertigung;
- Wohnungen mit extremer Immissionsbelastung, z.B. an Hauptverkehrsstraßen,
aber auch in Flughafennähe;
- Wohnungen in Quartieren mit sozialen Problemen: "überforderte"
Nachbarschaften, sozial-stigmatisierte Wohnanlagen, ethnische Inseln.
Dennoch besteht Grund zu der Annahme, daß wir in Berlin die Talsohle erreicht
haben - daß es nicht schlimmer kommen kann:
- die durchschnittliche Fluktuationsrate aller Mitgliedsunternehmen des BBU
ist nach kontinuierlichem Anstieg in den letzten Jahren in 2000 erstmalig
zurückgegangen:
- auf 8,8 % im Ostteil,
- auf 5,5 % im Westteil der Stadt;
- die Leerstandsquote hat gegenüber 1999 nicht mehr nennenswert zugenommen.
Man kann daraus schließen, daß angesichts des völlig zum Stillstand
gekommenen Neubaus von Mietwohnungen die Nachfrage allmählich in das Angebot
hineinwächst - soweit es sich halt um nachfragegerechte Wohnungen handelt.
Dabei sollte die gewaltige Anstrengung der "Gemeinnützigen" gewürdigt werden,
die trotz Ausschöpfung der verfügbaren Förderprogramme hohe Opfer gebracht
haben, um die unter DDR-Verantwortung heruntergewirtschafteten Altbaubestände im
Ostteil Berlins umfassend instandzusetzen und zu sanieren und um die riesigen
Plattebauquartiere in Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf zu
modernisieren, zu ergänzen, aufzuwerten und dadurch zu lebenswerten
Wohnquartieren zu machen. Ein Teil der Probleme der betroffenen
Wohnungsunternehmen und der Lasten des Berliner Haushalts resultiert aus der
Finanzierung dieser Aufwertungsprogramme.
Der Wandel der Märkte ist an den Unternehmen nicht spurlos vorüber gegangen:
So manches "freie" Wohnungsunternehmen ist vom Markt verschwunden; andere mußten
ihre unabhängige Rolle als private Eigentümerunternehmen aufgeben und Dritte als
Hauptgesellschafter aufnehmen - insbesondere die Hauptkreditgeber aus dem
Bankensektor, die mit solchen Rettungsaktionen zugleich ihre eigenen Kredite zu
retten versuchten.
Auch bei den Gemeinnützigen gab es Veränderungen: Hier waren vor allem die
Städtischen Wohnungsunternehmen betroffen, die sich durch Fusionen untereinander
neu organisiert haben. Der notleidende Gesellschafter Berlin hat seit 1995 aus
seinen Wohnungsunternehmen über 3 Mrd. DM herausgezogen, nur ein Viertel davon
durch Unternehmensverkäufe (GEHAG); weitere Verkäufe sind vorgesehen -
allerdings zu Verkaufserlösen, die vermutlich weit hinter den Erwartungen des
Finanzsenators zurückbleiben: Der Unternehmenswert wird vor allem von den
nachhaltig erzielbaren Erträgen bestimmt, und die sind in Berlin niedrig.
Zusätzlich müssen die städtischen Wohnungsunternehmen das Geld für so manchen
sozialen Sondernutzen erwirtschaften, der ihnen von der Stadt abverlangt wird.
Für die Berliner Wohnungswirtschaft werden die nächsten 5-10 Jahre zur
Durststrecke:
Angesichts des entspannten Wohnungsmarkts ist mit Zusatzerträgen aus
Mietsteigerungen nicht zu rechnen; andererseits steigen die Aufwendungen für die
Bewirtschaftung, müssen hohe Beträge an Mietverlusten und Erlösschmälerungen
verkraftet werden, stehen ggf. sogar Wertberichtigungen im Anlagevermögen ins
Haus.
Nicht jede freiwerdende Wohnung ist wieder vermietbar: Angebot und Nachfrage
klaffen teilweise weit auseinander - die Wohnungen aus den 20er/30er Jahren sind
den heutigen Nachfragern zu klein, zu hellhörig, zu unbequem: z.B. im 4. OG ohne
Aufzug.
Bestandsverkäufe an Dritte (Portfolio-Management) sind allenfalls für das
Unternehmen, nicht aber für die Stadt eine Lösung; denn der Anpassungs- und
Modernisierungsbedarf solcher Bestände ist ja mit dem Eigentümerwechsel nicht
erledigt.
Eine wachsende Zahl von Quartieren wird von sozialen Konflikten ihrer Bewohner
heimgesucht, deren Lösung oder Milderung auf lokaler Ebene in erster Linie von
den Wohnungsunternehmen erwartet wird.
Die Unternehmen haben, nach der Ausplünderung durch ihre alten oder neuen
Gesellschafter, kaum noch Reserven, um Einbrüche in den Jahresabschlüssen
auszugleichen, geschweige denn, die gigantischen Umbauaufgaben mitzufinanzieren,
die Berlin und anderen Großstädten ins Haus stehen:
- Umbau der Gründerzeit-Stadtteile
- Maßnahmen zur Erhaltung der Marktfähigkeit der Wohnquartiere aus den 20er,
30er, 50er Jahren
- Weiterentwicklung der Großsiedlungen aus der 2. Hälfte des XX.
Jahrhunderts, insbesondere der Plattesiedlungen in den NBL
Die Bereitschaft der Investoren, neue Wohnungen zu bauen, ist angesichts der
Marktlage gering. Die Bautätigkeit beschränkt sich auf kleine Eigentumsmaßnahmen
in den Außenbezirken Berlins und im Umland.
2. Strukturwandel in den Neuen Bundesländern
Damit sind bereits wesentliche Stichworte für die wohnungswirtschaftliche
Situation in den NBL gefallen:
Hier wird jedoch die Situation verschärft durch die arbeitsplatzbedingte
Migration junger aktiver, gut ausgebildeter Leute in die alten Bundesländer, die
rapide Bevölkerungsverluste ganzer Regionen und fast aller Großstädte zur Folge
hatte. Diese Bevölkerungsverschiebung ist noch in vollem Gang.
Im Beitrittsgebiet ist die Bevölkerung seit 1990 um mehr als 1 Mio. Einwohner
zurückgegangen. Betroffen sind die Städte mit mehr als 15.000 E, vor allem die
Großstädte: Magdeburg, Zwickau, Cottbus, Chemnitz, Halle, Rostock haben zwischen
1990 und 1999 jeweils 15 bis 20 % ihrer Bevölkerung verloren; selbst in Leipzig
betrug der Bevölkerungsverlust 12 %.
Die Ergebnisse der Analyse der Lehmann-Grube-Kommission sind bekannt.
- Die Ost-West-Wanderung . . . , "hat zwar in einigen Regionen zu hohen
Leerständen geführt, insgesamt ist sie jedoch nicht für die Leerstände
verantwortlich. Von hoher Bedeutung waren dagegen in allen Stadtregionen hohe
Abwanderungen aus den Kernstädten in das Umland."
- Trotz Zunahme der Zahl der Haushalte in den NBL stehen in Ostdeutschland
z.Z. 1 Mio. Wohnungen leer.
- Der Leerstand konzentriert sich auf die unsanierten Altbaubestände der
Innenstädte und auf die Plattebauquartiere aus industrieller Fertigung.
- "Kommt es zu keiner ... drastischen Veränderung der politischen
Rahmenbedingungen ..., dann kann der Leerstand in 20 Jahren bis auf 2
Millionen anwachsen."
- "Diese voraussehbare Entwicklung bedeutet für über 1.000
Wohnungsgesellschaften und Genossenschaften ebenso wie für Hunderttausende
privater Hauseigentümer einen großen finanziellen Schaden, der einen Teil von
ihnen in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Die Funktionsfähigkeit der
Märkte ist durch tiefgreifende Störungen gefährdet, wenn es nicht gelingt, die
Märkte durch ein koordiniertes Vorgehen der öffentlichen Hand und der
Marktakteure zu stabilisieren.
Nicht so offenkundig sind die sich abzeichnenden Schäden für eine große
Mehrheit der Städte und Gemeinden in Ostdeutschland. Ungelenkte Vorgänge der
Schrumpfung und des Verfalls zerstören das notwendige Gleichgewicht zwischen
Bevölkerung, Wohnbauten, Verkehrssystemen sowie sämtlichen Elementen der
privaten und öffentlichen Infrastruktur (Dienstleistungen, Handel, Gesundheit,
Schulen, Kultur).
"Viele Städte drohen dadurch auseinander zu brechen. Sie zerfallen in
Fragmente aus leeren Altbaugebieten, konsolidierten, in neuer Pracht wieder
erstandenen Kernbereichen, halbleeren durch Abriss schrumpfende
Plattenbausiedlungen - vor allem dort, wo die DDR-Industrien zusammengebrochen
sind - und in große, neue Einfamilienhaussiedlungen."
(Zitate aus dem Bericht der Lehmann-Grube Kommission)
Die aus dieser Analyse abgeleiteten Empfehlungen sind in den letzten Monaten
Gegenstand vieler Tagungen, Kongresse und politischer Klausuren auf der Ebene
der betroffenen Länder und auf Bundesebene gewesen, aus denen konkrete Programme
entwickelt wurden.
Folgende gemeinsame Elemente zeichnen sich ab:
- Nur eine koordinierte Planung von Gemeinde und örtlicher
Wohnungswirtschaft führt zum Erfolg. Gemeinsame Entwicklungskonzepte sind
nötig. Die vom GdW herausgebrachte Arbeitshilfe gibt hierfür viele Anregungen.
- Das Schrumpfen der Städte erfordert nicht nur eine abgestimmte Planung,
sondern auch abgestimmtes Handeln aller Akteure (Land, Gemeinde, beteiligte
Wohnungsunternehmen) bei allen konkreten Maßnahmen.
Diese Maßnahmen betreffen
- den Abriß dauernd unvermietbarer Wohnungsbestände
- die Weiterentwicklung aller Wohnstandorte zu nachfragegerechten,
lebenswerten Quartieren: Die Entfernung bestimmter Bestände ist nur ein Aspekt
dieser Weiterentwicklung; Eigentumsbildung im Bestand, Neubau in Baulücken und
auf Recyclinggrundstücken gehört ebenfalls dazu.
- Stadtsanierungs- und Wohnungsmodernisierungsprogramme sind weiterhin
unverzichtbar.
- Bund und Länder müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen und ihr
Instrumentenarsenal auf diese neuen Aufgaben hin überprüfen und neu gestalten.
Hier liegt ein Arbeitsfeld, in dem sich auch die großen Fachverbände
engagieren müssen und können. Der Deutsche Verband, der GdW, die Deutsche
Akademie für Städtebau und Landesplanung sollten ihre Kompetenzen zusammentun,
um mit ihrem Sachverstand die vielen Detailprobleme lösen zu helfen, die sich
stellen.
Der Probleme sind viele:
- Die Belastung der Unternehmen aus dem AltschuldenhilfeG muß vom Tisch,
zumindest für die Bestände, die abgerissen werden sollen und für die Bestände,
deren Übernahme die restitutionsberechtigten Erben ausschlagen.
- Die Unternehmen müssen die Abschreibung der abzureißenden Gebäude
verkraften.
- Es muß ein Interessenausgleich innerhalb der lokalen Wohnungswirtschaft
unter den privaten Hauseigentümern und den Wohnungsunternehmen organisiert
werden, um Lasten und Vorteile aus dieser Marktbereinigung gerecht zu
verteilen.
- Die bestehenden Förderinstrumente des Bundes und der Länder müssen so
gestaltet werden, daß sie den Stadtumbauprozeß stützen und nicht
kontraproduktiv wirken.
- Grundsteuer und Grunderwerbssteuer könnten i.S. dieser
Stadtumbauerfordernisse modernisiert werden.
Die vielen Tagungen der letzten Monate haben Erkenntnisse gebracht, die jetzt
in politisches Handeln umgesetzt werden müssen:
- Schrumpfende Städte und Regionen sind unser aller Schicksal in den
nächsten Jahrzehnten, auch bei geregelter Zuwanderung etc. In den NBL ist
allerdings das Tempo dieses Prozesses ungleich schneller als in den ABL.
- Es stellt sich die Frage, ob Stadtentwicklungspolitik sich generell vom
Wachstum verabschieden muß.
- Wir brauchen ganzheitliche Stadtentwicklungskonzepte, die Stadtentwicklung
als Stadtumbau begreifen. Die Wohnungswirtschaft muß die Chance erhalten an
diesen Stadtentwicklungskonzepten mitzuwirken. Allerdings muß die örtliche
Wohnungswirtschaft sich so organisieren, daß die Lasten aus Umbau, Rückbau und
Abriß gemeinsam getragen werden können.
- Wir brauchen eine Überprüfung der durch die Verfassung garantierten
Planungshoheit der Gemeinden: Weder unter dem Ziel der Nachhaltigkeit, noch
unter dem Zwang zur bestmöglichen Verwendung knapper öffentlicher Ressourcen
kann es sinnvoll sein, wenn Gemeinden am Rande von Stadtregionen sich auf
Kosten und zum Schaden der Kernstadt entwickeln. Das gilt nicht nur für die
Wohnungs- und Siedlungspolitik einer Region, sondern in gleichem Maße für die
Ansiedlung von
Handel und Gewerbe:
Es war ein Fehler der Bundesregierung in den 90er Jahren, entgegen aller
Erfahrung in den NBL riesige Einkaufszentren auf der grünen Wiese zuzulassen,
die die Innenstädte auszehren, die Immissionsbelastung verstärken und der
Kernstadt Steuereinnahmen wegnehmen.
Aber auch diese Erkenntnis haben wir gewonnen:
In der Krise unserer Städte stecken auch Chancen für mehr Lebensqualität, für
mehr persönliche Entfaltungsmöglichkeiten, wenn es gelingt, den Prozeß des
Schrumpfens politisch zu steuern und wenn wir Fachleute dafür die erforderlichen
Instrumente entwickeln. Schon macht sich die Politik hier und da - vor allem in
den großen Städten - das Thema zu eigen: Natürlich nicht mit dem negativ
besetzten Begriff des "Schrumpfens": Neue Euphemismen sind gefragt wie
- "Stadtentwicklung unter veränderten demographischen Voraussetzungen"
- "Wandel ohne Wachstum"
- "Umbau unserer Städte für eine lebenswerte Zukunft unserer Menschen"
Helfen wir alle mit, daß sich die Erkenntnis dieser Situation auf breiter
Front durchsetzt.
3. Osterweiterung der EU
Zum Stichwort Osterweiterung der EU nur eine kurze Bemerkung:
Die Wohnungswirtschaft Berlins und anderer Großstädte in wirtschaftlich
attraktiven Regionen kann sicher ein wenig Zuwanderung aus den neuen
Beitrittsländern erwarten, aber doch in bescheidenem Rahmen: die
Übergangsfristen, die z.Z. ausgehandelt werden, dürften die Arbeitsmigration
drastisch beschränken. Die Erfahrung aus dem Beitritt Spaniens, Portugals und
Griechenland zeigt außerdem, daß der Arbeitskräftebedarf im Beitrittsland selbst
schnell anstiegt, so daß die Fachwelt eine massive Ost-West-Wanderung aus den
Beitrittsländern für sehr unwahrscheinlich hält.
Ganz bestimmt wird eine Arbeitsmigration nicht Regionen mit hoher
Arbeitslosigkeit zum Ziel haben. Für den Leerstand in den NBL dürfte die
Osterweiterung der EU also kaum Auswirkungen haben. - Ob die beiderseits der
Oder-Neiße-Linie von Strukturschwäche geprägten Grenzregionen vom Wegfall der
Wirtschaftsgrenze profitieren, muß man abwarten. Die Wirtschaftsimpulse in
Schleswig-Holstein hielten sich jedenfalls in engen Grenzen, als Dänemark
EU-Mitglied wurde.
Wir können in der deutschen Wohnungswirtschaft also unser Heil nicht von
außerhalb erwarten, sondern wir müssen Bund, Länder, Gemeinden,
Wohnungswirtschaft, unsere lokalen, regionalen und nationalen Schulaufgaben
schon selbst aus eigener Kraft lösen.
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