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Integrierte Raumordnungs- und Verkehrspolitik in einem
zusammenwachsenden Europa
25. und 26.06.2001 - Jahrestagung des Deutschen Verbandes für
Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V. in Berlin
Bundesminister a.D. Karl Ravens Präsident des DV e.V.
(seit 26.11.2002 Ehrenpräsident des DV e.V.)
Eröffnungsansprache der Jahrestagung des Deutschen Verbandes
Anreden,
zur öffentlichen Veranstaltung im Rahmen der Jahrestagung des
Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung
e.V. heiße ich Sie alle herzlich willkommen. Ich freue mich, daß
so viele Mitglieder und Freunde des Deutschen Verbandes unserer
Einladung nach Berlin und in das geschichtsträchtige Rathaus
Schöneberg gefolgt sind.
Es ist die erste Veranstaltung des Verbandes nach seinem Umzug
in die Hauptstadt! Wir haben uns in Bonn wohl gefühlt und werden
auch immer wieder dorthin zurückkehren, doch nun freuen wir uns,
hier zu sein.
In den letzten Wochen bin ich im west- und südeuropäischen Raum
unterwegs gewesen. In Portugal und Spanien haben mich die großen
Tafeln begleitet, auf denen die Regierung den Ausbau der
Infrastruktur mit Hilfe der EU verkündet. Europäische
Solidarität. Und es verging kein Tag, an dem nicht das Thema
"Europa" in den Schlagzeilen erschien. Die Stichwörter sind
Ihnen gegenwärtig: die Einführung des Euro, eine Europäische
Verfassung, und in wiederkehrender Weise setzten sich die Medien
mit der Osterweiterung der Europäischen Union auseinander.
Wichtige Themen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie das
Haus Europa politisch und rechtlich gestaltet wird.
Heute wollen wir als Deutscher Verband einen räumlichen Akzent
setzen: Wie schaffen wir ein Europa - einen europäischen Raum -,
der diesen Namen als Lebens-, Wirtschafts- und Kulturraum auch
verdient? Denn eins ist Konsens: Die Raumentwicklung in Europa
kann nicht mehr nur im nationalen Maßstab gesehen werden.
Deutschland als Land mit den meisten direkten Nachbarn in Europa
kann und darf auf eine grenzübergreifende Zusammenarbeit nicht
verzichten. Auch verlangt die europäische Integration von uns
eine fortschreitende wirtschaftliche Kooperation. Die
europäische Kommission thematisiert seit einigen Jahren Fragen
der europäischen Raumentwicklung.
Grundlage für unsere heutige Diskussion, zu der wir
Wissenschaftler und Praktiker aus dem In- und Ausland eingeladen
haben, ist daher das Europäische Raumentwicklungskonzept. Kurz
EUREK genannt.
Das 1999 von der Europäischen Union beschlossene EUREK ist ein
politisches Dokument, dessen besonderer Wert darin besteht, daß
sich 16 Partner (15 Staaten und die Kommission) auf gemeinsame
Leitbilder, auf gemeinsame Visionen geeinigt haben. An diesem
Konzept sollen sich zukünftig die raumwirksamen Politiken auf
europäischer, nationaler und regionaler Ebene ausrichten. Das
EUREK will ein Orientierungsrahmen für die räumliche Entwicklung
der Gemeinschaft sein. Es stellt einen Kompromiß und eine
konsensfähige Beschränkung zwischen den Partnern dar. Darin
liegt der besondere Wert des EUREK.
Raumentwicklung, Raumordnung, das sind Themen, die letztendlich
für uns alle relevant sind. Dennoch haben viele ein gespaltenes
Verhältnis zu Fragen der Raumordnung. Es wird als spröde
empfunden und es kommt immer wieder zu Enttäuschungen, wenn
entgegen feierlichen Proklamationen mit Bau- und
Durchführungsgenehmigungen Fakten geschaffen werden, die den
Grundsätzen diametral entgegenstehen. Trotz dieser
Schwierigkeiten bleibt die Raumordnung für den Bund, die Länder
und für die Kommunen unverzichtbar.
Wie notwendig ein solcher konsensualer Rahmen für den
wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt in Europa ist, machen
die Probleme der europäischen Raumentwicklung deutlich, die die
bestehenden Disparitäten zwischen den europäischen Regionen
erkennen lassen. Im Fünfeck der Metropolen London, Paris,
Mailand, München und Hamburg leben rd. 40% der Bevölkerung auf
20% der Fläche. Sie erwirtschaften aber über 50% des
Bruttoinlandsproduktes der Europäischen Union.
Führen Sie sich bitte die sich daraus ergebende umgekehrte
Rechnung vor Augen: 60% der Bevölkerung auf 80% der Fläche
erwirtschaften weniger als 50% der Sozialproduktes.
Diese regionalen Disparitäten innerhalb der Mitgliedstaaten
werden eher noch zu- als abnehmen.
Und die Herausforderungen nehmen weiter zu. Neue Technologien,
weltweite Kommunikationssysteme und der internationale
Kapitaltransfer eröffnen auf der einen Seite neue Chancen. Auf
der anderen Seite lösen sie einen zusätzlichen Anpassungsdruck
und weitgehende Strukturveränderungen in den Volkswirtschaften
aus.
Täglich können wir lesen, wie Industrieunternehmen fusionieren,
der Wettbewerb sich verschärft und Personal abgebaut wird. Die
Folge ist ein hohes Ungleichgewicht nicht nur zwischen den neuen
und alten Bundesländern, sondern über Europa verteilt. Noch
stärker wird das Gefälle an der Ostgrenze der Europäischen Union
ausgeprägt sein, wenn die Beitrittskandidaten in das Europäische
Haus gefunden haben.
Nun ist Wettbewerb zwar eine der großen Triebfedern der
Wirtschaft. Es muß aber doch kritisch festgestellt werden, daß
dieser Prozeß eines sich verschärfenden Wettbewerbs zu
regionalen Unterschieden, ja Verwerfungen, führt, der die
europäische Integration gefährden kann. Wohl gemerkt: kann!
Die Integration würde dann gefährdet, wenn der wirtschaftliche
und soziale Zusammenhalt vernachlässigt und eine wachsende
Arbeitslosigkeit als Begleiterscheinung des Strukturwandels
akzeptiert wird. In der Konsequenz würden bestimmte Regionen
zurückbleiben bzw. zurückgeworfen. Das möchte ich nicht
akzeptieren!
Ziel einer nationalen wie einer europäischen Raumordnungs- und
Verkehrspolitik muß es daher sein, die neuen gesellschaftlichen
und wirtschaftlichen Herausforderungen sozialverträglich zu
gestalten. Die Wettbewerbsfähigkeit und Innovation muß mit den
sich abzeichnenden gesellschaftlichen Herausforderungen
verbunden werden.
Sowohl für die räumliche Wettbewerbsfähigkeit als auch für eine
ausgeglichene Gesamtwirtschaft benötigen wir eine
Verkehrsinfrastrukturentwicklung, der hohe Priorität sowohl auf
nationaler als auch auf europäischer Ebene eingeräumt wird. Mit
Blick auf die Osterweiterung muß es uns gelingen, das Straßen-,
Schienen-, Binnenwasserstraßen- und das Flughafennetz so
auszurichten, daß mit der gegenwärtigen Geschwindigkeitszunahme
in allen gesellschaftlichen Bereichen nicht nur eine Abnahme der
Entfernung eintritt, sondern auch eine Ausdehnung der Märkte und
eine gerechte Verteilung von Beschäftigung erfolgt. Dann würden
wir eine zunehmende wirtschaftliche Integration auch der
peripheren Regionen erreichen, wie es z.B. in Spanien und
Portugal vor Jahren gelungen ist.
Wegweiser kann hierbei das EUREK sein. Es ist ein Konzept, das
Visionen und Ziele und Strategien beschreibt, das Leitbilder
entwirft und auf allen Ebenen öffentlichen und privaten
Entscheidungsträgern Optionen für die Formulierung ihrer Politik
und deren Umsetzung zur Verfügung stellt. Das EUREK postuliert
die Förderung integrierter Verkehrs- und Kommunikationskonzepte,
unterstützt die polyzentrische Raumentwicklung und tritt für die
Pflege der Natur und des Kulturerbes durch ein intelligentes
Management ein. Schrittweise sollen gleichwertige
Zugangsmöglichkeiten zur Infrastruktur und zum Wissen realisiert
werden.
Die Aussagen des EUREK sind aber eben nicht bindend, sondern
lediglich Optionen, bestehende Befugnisse in den zuständigen
Institutionen werden nicht verändert. Damit ist das EUREK kein
"Selbstgänger". Damit es nicht bei den Visionen bleibt, sind
seine Anwendung und Umsetzung von der Bereitschaft der
jeweiligen Gebietskörperschaft, sowie von Unternehmen wie z.B.
die Bahn, abhängig. Hinzu kommt, daß der derzeitige
Bekanntheitsgrad des EUREK leider noch sehr gering ist. Es gilt,
was ich vorher gesagt habe: Auch künftig werden gewisse
raumordnerische relevante Entscheidungsträger nicht regelmäßig
das Große und Ganze berücksichtigen und unter diesem Aspekt
wiederum enttäuschen. Daher begrüße ich, daß die Umsetzung des
EUREK und die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten auf dem Gebiet
der Raumordnung mit Hilfe der Gemeinschaftsinitiative INTERREG
III B unterstützt werden soll.
Ein wichtiges Ziel ist dabei, die Staaten Mittel- und Osteuropas
einzubeziehen und mit diesen in einen Austausch zu treten. EUREK
und auch INTERREG wollen die Zusammenarbeit mit den
Beitrittsstaaten fördern.
Angesichts des Themas unserer Jahrestagung stelle ich mir vor,
daß wir gemeinsam erörtern, welche Wege uns offen stehen, um die
Ziele des EUREK mit Hilfe der GI INTERREG erfolgreich umzusetzen
- vor allem im Sinne nachwachsender Generationen.
Herr Professor Krautzberger hat in einem Aufsatz zum Thema
"Brauchen wir noch eine Raumordnungspolitik?" hierzu Thesen
formuliert, die nach wie vor nichts an Aktualität eingebüßt
haben. Nach Krautzberger ist es für die Angleichung der
Lebensbedingungen in Deutschland wie in Europa besonders
wichtig:
- daß eine stärkere Verlagerung der staatlich geprägten Raumordnung hin zu
vernetzten Kommunalverantwortlichkeiten erfolgt;
- daß die Raumordnung auch wirkliche "Antworten" auf die Zukunft gibt.
Antworten wie Aufforderungen müssen nachvollziehbar sein;
- daß die vermeintliche Schwäche konstitutionelle Schwäche einer
fachübergreifenden Perspektive zu ihrer tatsächlichen Stärke umfunktioniert
wird. Hierzu ist es notwendig, daß der Deutsche Verband mit seinem
fachübergreifenden Handlungsansatz, auch für die Raumordnung politische
Handlungsfelder erschließt.
Diese drei Aspekte möchte ich gerne an die Referenten
weiterreichen, mit der Bitte, die dahinter stehende eine oder
andere Frage im Laufe des Tages zu beantworten.
Ich freue mich sehr, daß wir heute einen so hochrangigen Kreis
an Referenten haben gewinnen können. Zunächst darf ich ganz
herzlich Herrn Strieder, (alter und neuer) Senator für
Stadtentwicklung, Umweltschutz und Technologie, in unserer Mitte
begrüßen. Es ist uns eine Ehre, Sie bei uns zu haben. Herr
Senator Strieder hat sein Grußwort mit dem Titel überschrieben:
Berlin - Zentrum im europäischen Raum.
Ich bin gespannt, wie Sie die zukünftigen Aufgaben von Berlin
als Senator für Stadtentwicklung und Technologie definieren.
Herr Großmann, Parlamentarischer Staatssekretär im
Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, es ist
mir eine ganz persönliche Freude, Sie heute bei uns zu begrüßen.
Sie haben Ihr Referat mit dem Titel "Die Bedeutung einer
integrierten Raumordnungs- und Verkehrspolitik in einem
zusammenwachsenden Europa" überschrieben. Ich bin gespannt, was
aus Ihrer Sicht geschehen sollte, um zum einen die Bereiche der
Raumordnung und Verkehrspolitik enger miteinander zu verzahnen.
Zum anderen, was geschehen muß, um die Herausforderungen eines
zusammenwachsenden Europas zu meistern. Auf Ihre Ausführungen
und Vorschläge freue ich mich besonders.
Herr Doktor Kragt, Leiter der Abteilung Internationales des
niederländischen Amtes für Raumordnung, wird uns zum einen über
die Entstehung und den Hintergrund des Europäischen
Raumentwicklungskonzept informieren. Zum anderen hat Herr Kragt
sich bereiterklärt, an der Podiumsdiskussion heute Nachmittag
teilzunehmen. Aus zahlreichen Publikationen wissen wir, daß Herr
Kragt sich intensiv mit wirtschaftlichen und rechtlichen
Fragestellungen im Bereich des EUREK auseinandersetzt.
Herr Professor Dr. Battis, Humboldt - Universität Berlin,
spricht über die Umsetzung des EUREK in die deutsche
Raumordnung. Die Evolution der Raumentwicklung auf europäischer,
nationaler und kommunaler Ebene muß sich auf Dauer in
Rechtsvorschriften und Kompetenzverteilungen niederschlagen, die
diesem Prozeß Rechnung tragen.
Herr Dufeil, Referatsleiter Deutschland bei der Europäischen
Kommission, Generaldirektion Regio, beleuchtet die künftige
Gestaltung der europäischen Regionalpolitik. Hierbei bin ich
gespannt, welchen Stellenwert die Raumentwicklung und die
Strukturpolitik vor dem Hintergrund der Osterweiterung aus
Brüsseler Sicht einnehmen wird.
Für die Podiumsdiskussion am Nachmittag haben wir gewinnen
können, um über
- die Erfahrungen in Dänemark zu berichten, Herrn Abteilungsleiter Østergard,
vom Ministerium für Umwelt, Abteilung Raumordnung, Kopenhagen,
- über die deutschen Erfahrungen wird Herr Ministerialdirigent Sinz vom
Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, Berlin, berichten,
- für Frankreich Herr Professor Dr. Marcou aus Paris (Absage, kurzfristig)
- aus den Niederlanden berichtet Herr Doktor Kragt,
- die Europäische Kommission wird von Herrn Dufeil vertreten,
- und last but not least wird Herr Dr. Blatt die Erfahrungen des Deutschen
Verbandes, die u.a. im Rahmen des Projektes EUREK Pro.F.I.L. gemacht wurden,
in die Diskussion einbringen.
Meine Herren, bereits hier ein herzliches Dankeschön. Wir
freuen uns auf Ihre Beiträge und eine sich daran anschließende
muntere Diskussion.
Als Moderatorin für diese Diskussion haben wir Frau Dr.
Wiese-von Ofen gewinnen können. Frau Dr. Wiese-von Ofen ist
Vorsitzende des Verbandsrates des Deutschen Verbandes und
Präsidentin des Internationalen Verbandes für Wohnungswesen,
Städtebau und Raumordnung. Neben ihren zahlreichen Ehrenämtern
war sie ganz aktuell Anfang diesen Monats Berichterstatterin für
die Habitat-Konferenz "Istanbul +5" bei den Vereinten Nationen
in New York. Ihre nationalen und internationalen Erfahrungen
prädestinieren Frau Dr. Wiese-von Ofen für die Leitung der
heutigen Podiumsdiskussion. Ich freue mich, daß sie Zeit für uns
hat.
Bevor ich nun das Wort an die Referenten weitergebe, möchte ich
noch einige Worte des Dankes aussprechen.
Herr Limann, Ihnen sowie Frau Jung, Mitarbeitern der Stiftung
Preußischer Schlösser und Gärten Berlin - Brandenburg, sei ganz
herzlich gedankt für den wunderbaren Ausflug am Sonntag. Er war
für uns alle eine Bereicherung! Herr Liman, ist nicht nur
langjähriges Mitglied und Freund unseres Verbandes, sondern als
Geschäftsführer der Hegli Verwaltungsgesellschaft hat er den
Ausflug möglich gemacht.
Dafür ein herzliches Dankeschön!
Ebenso möchte ich Herrn Wüntsch, Geschäftsführer der
Brandenburgischen Beratungsgesellschaft für Stadterneuerung und
Modernisierung mbH, für die Ausgestaltung des gestrigen Tages
danken. Wir hatten einen würdigen Rahmen.
Auch Ihnen, Herr Dr. Lauritzen, Stellvertretender Vorsitzender
des Vorstandes der IBAG Immobilien und Beteiligungen
Aktiengesellschaft, Berlin, möchte ich Dank sagen, daß Sie den
Verband bei dieser Jahrestagung so großzügig unterstützt haben.
Ferner möchte ich Ihnen für die gestrigen Ausführungen zu der
Frage, ob die Immobilienwirtschaft über neue
Finanzierungsstrategien nachdenken muß, Stichwort Basel II,
meinen Dank aussprechen.
Ein weiterer Dank gilt Herrn Pawlowski, Vorsitzender des
Vorstandes der Landesbank Berlin, für die generöse Unterstützung
der Jahrestagung. Leider ist es Herrn Pawlowski nicht möglich,
an der Jahrestagung teilzunehmen.
Danken möchte ich ebenso Herrn Duvigneau, der in seinem
gestrigen Vortrag ausgesprochen interessant über die den
Strukturwandel in Berlin und Umgebung begleitenden
wohnungswirtschaftlichen Herausforderungen gesprochen hat.
Meine Damen und Herren, ich heiße Sie nochmals herzlich
willkommen, begrüße auch ganz besonders die Vertreter der Medien
und wünsche unserer Öffentlichen Veranstaltung im Rahmen der
Jahrestagung guten Erfolg.
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