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Demographie und Immobilienwirtschaft
Von Prof. Dr. Paul Klemmer
(†), Präsident des Deutschen Verbandes
1. Die demographischen Herausforderungen
1.1. Zu erwartende Schrumpfungsprozesse
Die zu erwartenden demografischen Entwicklungstrends Deutschlands lassen
sich mit dem viel zitierten Satz umschreiben: Wir werden weniger, älter
und bunter. Alle drei Trends haben einen Einfluss auf die
Immobilienwirtschaft und die Altersvorsorge. Immobilienwirtschaftlich
relevant sind diese Trends vor allem dann, wenn man beachtet, dass sich
die Schrumpfungs-, Alterungs- und Heterogenisierungsprozesse in
räumlicher Hinsicht mit unterschiedlicher Intensität bzw.
Geschwindigkeit abspielen werden. Sie implizieren, dass - räumlich
gesehen - auch die immobilienwirtschaftlichen Entwicklungsperspektiven
stärker auseinanderklaffen müssen.
Was den zu erwartenden Bevölkerungsrückgang betrifft, so besteht im
Bereich der Wissenschaft seit geraumer Zeit Einigkeit darüber, dass die
Bevölkerung Deutschlands längerfristig schrumpfen wird und dieser Trend
immer schwerer umgekehrt werden kann. Zwar war die bisherige Entwicklung
der deutschen Bevölkerung insgesamt positiv - seit 1950 hat die
Bevölkerungszahl um 14 Millionen bzw. rd. 20 Prozent auf über 82
Millionen zugenommen -, aber seit Anfang der siebziger Jahre wurde
deutlich, dass dies nicht von Dauer sein konnte. Der Zuwachs beruhte
nämlich auf einer fast einmalig hohen Zuwanderung von (deutschen)
Vertriebenen sowie einer anfangs hohen Geburtenrate, die zusammen mit
den Zuwanderungsüberschüssen zu einer kopfstarken Baby-Boom-Generation
führten. Seit der zweiten Hälfte der sechziger Jahre geht die
Geburtenrate der Deutschen jedoch deutlich zurück, dafür rückt die Zu-
und Abwanderung von Ausländerinnen und Ausländern als demographischer
Bestimmungsfaktor immer stärker in den Vordergrund und bewirkte vor
allem in den alten Bundesländern ein immer stärkeres Vordringen der
Migrantenpopulation.
Seit 1972 verzeichnet Deutschland in seiner heutigen Abgrenzung trotz
steigender Lebenserwartung einen kontinuierlichen Sterbefallüberschuss,
der am aktuellen Rand zunimmt und künftig weiter wachsen wird. Dieser
Sterbefallüberschuss ist primär die Folge eines abrupten Einbruchs der
Geburtenrate in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre bzw. das Ergebnis
einer Änderung des generativen Verhaltens jüngerer Elterngenerationen,
die häufig mit dem Stichwort "Pillenknick" umschrieben wird. Die
Geburtenrate (genauer die "zusammengefasste Geburtenziffer") gibt
hierbei die durchschnittliche Kinderzahl an, die eine Frau im Laufe
ihres Lebens hätte, wenn die Verhältnisse des betrachteten Jahres von
ihrem 15. bis 49. Lebensjahr gelten würde . Sie lag in der ersten
Nachkriegszeit bei 2,5 Kindern pro Frau und sank nach 1967 in den alten
Bundesländern bis 1975 auf 1,45 ab. Die neuen Bundesländer, die lange
Zeit eine höhere Geburtenrate aufwiesen, haben sich inzwischen
weitgehend dem Verhaltensmuster Westdeutschlands angepasst. Seit
geraumer Zeit schwankt diese Geburtenrate um einen Wert von 1,4. müsste
aber, um die gegenwärtige Bevölkerung zu erhalten, mindestens eine Wert
von 2,1 aufweisen. Jede Elterngeneration wird demzufolge gegenwärtig nur
noch zu etwa zwei Drittel durch Kinder ersetzt - mit der Konsequenz,
dass die künftigen Mütterkohorten schrumpfen. Wenn dieser Trend anhält,
wird selbst ein utopischer Anstieg der Geburtenrate auf Werte von 3
nicht mehr ausreichen, um den Schrumpfungsprozess der Bevölkerung kurz-
oder mittelfristig zu stoppen.
Deutschland liegt mit seiner Geburtenrate im untersten Feld der
entwickelten Nationen. Im Vereinigten Königreich bewegt sie sich
zwischen 1,7 und 1,8, in den USA seit 1989 zwischen 2,0 und 2,1. Hinter
der abnehmenden Geburtenrate stehen verschiedene Trends bzw. Ursachen.
So wird die Geburt des ersten Kindes immer mehr in ein späteres
Lebensalter verschoben und der Anteil der dauerhaft Kinderlosen wächst,
und zwar insbesondere bei den Frauen mit akademischem Abschluss.
Letzteres hat in starkem, aber nicht alleinigem Ausmaß mit den
Konflikten zwischen den beruflichen Karrierevorstellungen und den
Anforderungen einer Kindererziehung zu tun.
Die negativen Auswirkungen eines hohen und wahrscheinlich steigenden
Sterbefallüberschusses können theoretisch durch Wanderungsgewinne
kompensiert oder zumindest gemildert werden. Dies war in Deutschland der
Fall, denn sein Außenwanderungssaldo war in den vergangenen 50 Jahren
vorwiegend positiv und betrug im Jahresdurchschnitt knapp 200.000. Höhe
und Verlauf dieses Wanderungssaldos werden aber zunehmend durch die
Wanderungen nichtdeutscher Personen bestimmt. Zwischen 1961 und 2000
kamen z.B. rd. 25 Mio. ausländische Staatsangehörige nach Deutschland,
wovon 18,7 Mio. es aber wieder verlassen haben. Per Saldo führte dies zu
einer wanderungsbedingten Aufstockung der Bevölkerung Deutschlands um
ca. 7,3 Mill. Einwohner . Da die Zuziehenden in der Regel jünger als die
Fortziehenden sind, ergab sich durch die in Deutschland verbleibenden
Ausländer außerdem ein "Verjüngungseffekt" bei der Wohnbevölkerung.
Die Wanderungsgewinne haben bewirkt, dass die Auswirkungen der sinkenden
bzw. niedrigen Geburtenrate auf die künftige Bevölkerungsentwicklung
weitgehend verdeckt wurden bzw. als vernachlässigbar hingestellt werden
konnten. Sie lassen außerdem bei vielen die Hoffnung aufkommen, die sich
anbahnenden Schrumpfungsrisiken könne man über eine verstärkte
Zuwanderung bewältigen. Zumeist ist man sich aber der Implikationen
einer solchen Lösung des Problems einer langfristig schrumpfenden
Bevölkerung nicht bewusst. Wollte man z.B. den Altersquotient der
Bevölkerung auf dem gegenwärtigen Niveau stabilisieren, müsste man bei
Berücksichtigung der Altersstruktur der bisherigen Zuwanderer bis zum
Jahr 2035 eine Nettozuwanderung von 43 Million Menschen nach Deutschland
sicherstellen . Es ist fraglich, ob sich eine solche Zahl von
Zuwanderern überhaupt mobilisieren lässt, noch fraglicher ist, ob die
damit verbundenen Integrationsprobleme Deutschland nicht überfordern
werden.
Zwar werden alle Anstrengungen darauf ausgerichtet sein müssen, den
Trend einer künftig schrumpfenden Bevölkerung zu stoppen, die
Erfolgsaussichten einer solchen Trendumkehrstrategie sind aus kurz- und
mittelfristiger Sicht jedoch äußerst gering. Insofern gehen fast alle
Prognosen von einer längerfristig schrumpfenden Bevölkerung aus. Je nach
den gesetzten Annahmen (bezüglich Geburtenrate, Lebenserwartung oder
Wanderungsgewinne) streuen die einzelnen Vorausschätzungen zwar , lassen
aber für die Bundesebene bereits für den Zeitraum 1999 bis 2015
mehrheitlich Bevölkerungsverluste in Höhe zwischen 0 und -3,0 Prozent
und mit Blick auf den Zeitraum 1999 bis 2050 einen Bevölkerungsrückgang
in Höhe zwischen 26,8 und 14,3 Prozent wahrscheinlich werden. Folgt man
der neuesten Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen
Bundesamtes im Rahmen der 10. koordinierten Bevölkerungsprognose, die
fast schon "amtlichen Charakter" haben, wird die Bevölkerungszahl
Deutschlands gemäß der "mittleren Variante" von gegenwärtig rd. 82,5
Millionen Einwohner bis 2012 noch leicht auf 83 Millionen steigen,
danach aber kontinuierlich zurückgehen und bis 2050 auf das Niveau des
Jahres 1963 (gut 75 Millionen) zurück sinken, was - bezogen auf 2003 -
schon einer Schrumpfung von knapp über 9 Prozent gleich käme .
Ursächlich hierfür ist primär der trotz steigender Lebenserwartung immer
größer werdende Sterbefallüberschuss.
Auf der regionalen Ebene hat der Bevölkerungsrückgang bereits begonnen.
Nimmt man etwa die Bevölkerungsentwicklung der neunziger Jahre (von 1990
bis 2000), so waren es vor allem die kreisfreien Städte der neuen
Bundesländer, die einen Bevölkerungsrückgang hinnehmen mussten. Dies
sind die Städte Hoyerswerda (-26,0 %). Schwerin (-20,5 %), Halle/Saale
(-20,1 %), Görlitz (-19,4 %), Rostock (-19,2 %), Chemnitz (-18,6 %),
Greifswald (-18,1 %), Neubrandenburg (-17,9 %), Cottbus (-17,7 %) oder
Magdeburg (-17,2 %). Reiht man die 440 Kreise und kreisfreien Städte
Deutschlands gemäß der Größe ihres Bevölkerungsverlustes, findet man mit
Bremerhaven die erste westdeutsche Einheit auf Platz 53, auf Position 65
folgt Wilhelmshaven und bald darauf kommen die ersten Ruhrgebietsstädte.
Im gleichen Zeitabschnitt verzeichneten aber Umlandkreise wie
Alzey-Worms, Freising, Vechta, Lüneburg, Gifhorn, Potsdam-Mittelmark,
Erding, Cloppenburg, Bad Doberan und Saalkreis noch Zuwachsraten von 18
Prozent und mehr. Von den 440 Kreisen und kreisfreien Städten
Deutschlands wiesen in den neunziger Jahren immerhin bereits 137 eine
sinkende Wohnbevölkerung auf. Diese Zahl wird weiter steigen, sich
zunächst aber auf die Großstädte und die Kreise Ostdeutschlands
konzentrieren. Langfristig werden alle Gebiete Deutschlands vom
Schrumpfungsprozess erfasst.
Anfang des neuen Jahrtausends verzeichneten die Kreise Freising,
Cloppenburg, Vechta, Erding, Emsland, Böblingen, Tübingen, Eichstätt und
Paderborn noch Geburtenüberschüsse von über 3 Geburten je 1.000
Einwohner. Zum gleichen Zeitpunkt kannten die Stadt Baden-Baden sowie
die Kreise Bemberg, Bitterfeld, Weißenfels, Anhalt-Zerbst, Chemnitzer
Land, Sonneberg, Wunsiedel/Fichtelgebirge, Mansfelder Land,
Vogtlandkreis bereits Sterbefallüberschüsse von rd. 6 Einwohner je 1.000
Einwohner und mehr. Der höchste Sterbefallüberschuss wurde in der Stadt
Pirmasens beobachtet. Teilweise schlagen in diesen Zahlen die
Fertilitätsunterschiede früherer Jahre durch - das Münsterland bzw. das
Emsland wiesen (konfessionsbedingt) immer schon überdurchschnittlich
hohe Geburtenraten auf -, immer wichtiger werden aber die
Altersstrukturunterschiede bzw. die sie bestimmenden
Wanderungsbewegungen als Bestimmungsgründe eines Geburten- bzw.
Sterbefallüberschusses.
Hohe Wanderungsgewinne erzielten in den letzten Jahren die Kreise
Havelland, Potsdam-Mittelmark, Erding, Oberhavel, München, Ebersberg,
Barnim, Bad Doberan und der Saalkreis. Fast durchwegs handelt es sich um
die Umlandkreise großer Zentren, wobei die Wanderungsgewinne vielfach
ausreichten, um einen bestehenden Sterbefallüberschuss zu auszugleichen.
Sehr hohe Wanderungsverluste verzeichneten neben dem Kreis Bitterfeld
vor allem die ostdeutschen Städte Dessau, Greifswald, Cottbus, Suhl,
Frankfurt a.d.O., Halle/Saale sowie Hoyerswerda. Dort überlagerte sich
eine Stadt-Umland-Abwanderung mit einer arbeitsmarktbedingten
Fernabwanderung.
Aufgrund der Entwicklung der Sterbefallüberschüsse, der Altersstruktur
sowie der weiter anhaltenden Abwanderung wird es in manchen Gebieten
Deutschlands in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren zu einem
deutlichen Rückgang der Wohnbevölkerung kommen. Diese Regionen
konzentrieren sich auf die neuen Bundesländer - so etwa im Osten
Mecklenburg-Vorpommerns, im Osten Sachsens, einen breiten Bereich
zwischen Chemnitz und Halle/S. oder den südlichen Bereich von Thüringen.
Im Westen Deutschlands wird es Teile von Niedersachsen, des Ruhrgebiets
oder des Märkischen Raums treffen. Im Münsterland und angrenzenden
westlichen Niedersachsen, im weiteren Einzugsbereich des Rhein-Main-
bzw. des Rhein-Neckar-Gebietes, im Süden und Osten Baden-Württembergs
sowie in den Einzugsbereichen von München oder auch von Berlin werden
die Bevölkerungszahlen hingegen noch deutlich steigen. Die räumliche
Spreizung der Bevölkerungsentwicklung wird zunehmen.
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