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Demographie und Immobilienwirtschaft
Fortsetzung
1.2. Zu erwartende Alterungsprozesse
Im Gegensatz zum erwarteten Schrumpfungsprozess hat die Alterung der
deutschen Wohnbevölkerung bereits begonnen. Waren um 1900 in Deutschland
noch etwa die Hälfte aller Einwohner jünger als zwanzig, ist es heute
nur noch etwa ein gutes Fünftel. Damit sind anteilsmäßig gegenwärtig
etwa genau so viele Menschen unter zwanzig wie über sechzig. Ändert sich
an diesem Prozess kleiner werdender Kohorten gebärfähiger Frauen mit
konstanter und zu niedriger Fertilität nichts, wird aus einer
klassischen Bevölkerungspyramide allmählich eine Urne.
Um die Alterungsprozesse verständlich zu machen, sei daran erinnert,
dass sich in Deutschland im Gefolge des wirtschaftlichen Aufschwungs ein
Baby-Boom ereignete, der sich in den fünfziger und sechziger Jahren des
vergangenen Jahrhunderts allmählich aufbaute und in der zweiten Hälfte
der sechziger Jahre seinen Gipfel erreichte, um danach ("Pillenknick")
recht schnell abzubrechen. Die so entstandene Baby-Boom-Generation
gleicht im Grund einer Welle, die sich Jahr für Jahr in der
Bevölkerungspyramide nach oben schiebt. Der Gipfel dieser Welle lag 1991
bei einer Alterskategorie von etwa 27 bis 28 Jahren, die Wellenbildung
hatte aber bereits 10 bis 12 Jahre früher begonnen. In 2000 hatte der
Wellengipfel die 36- bis 38-Jährigen erreicht. Zwangsläufig musste fast
überall diese Alterskategorie mit einem Vorlauf von 10 bis 12 Jahren
überdurchschnittlich wachsen. Diese Welle schwappt nun allmählich in die
Alterskategorie der über 80-Jährigen und löst dort langsam einen "Boom"
aus. Die heute etwa 35- bis 40-Jährigen - die geburtenstärksten
Jahrgänge - wechseln ab dem Jahre 2020 allmählich in das Seniorenalter
über. Dies erklärt auch die oben angesprochene Zunahme der Sterbefälle.
Die stark besetzten Altersjahrgänge erreichen Altersgruppen, die durch
höhere Sterbewahrscheinlichkeiten geprägt sind.
Nachfolgend kommen mit einer Zeitverzögerung die "Wellentäler" zum
Tragen. Das trifft die 30- bis unter 45-Jährigen, aber aufgrund der
sinkenden Mütterzahl auch die unter 20-Jährigen. Beide Alterskategorien
werden darum bis 2020 stark abnehmen. Dieses Muster divergierender
Wachstums- bzw. Schrumpfungsraten in den einzelnen Alterskategorien
lässt sich in fast allen Kreisen bzw. kreisfreien Städten Deutschlands.
nachweisen. Dabei können aber Unterschiede auftreten, die Ausdruck
bereits bestehender (abwanderungsbedingter) Altersstrukturunterschiede
sind.
Die Zahl der unter 20-Jährigen wird gemäß der oben erwähnten "mittleren
Variante" der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung von
gegenwärtig etwa 17 Millionen (21 Prozent der Bevölkerung) bis 2050 auf
12 Millionen (16 Prozent der Bevölkerung) zurückgehen, die Gruppe der
mindestens 60-Jährigen wird dann aber mehr als doppelt so groß sein (28
Millionen bzw. 37 Prozent). Sterben diese älteren Einwohnerkategorien
angesichts begrenzter Lebenserwartung weg, beginnt der eigentliche
Prozess der Bevölkerungsimplosion. Der eher schleichende Prozess der
Bevölkerungsschrumpfung beschleunigt sich und tritt offen zu Tage.
Im Jahr 2050 wird die Hälfte der deutschen Bevölkerung älter als 48
Jahre und ein Drittel 60 Jahre oder älter sein. Bezieht man die ab
60-Jährigen auf die Menschen im engeren Erwerbsalter (von 20 bis 59
Jahren), entfallen auf die so definierten Erwerbsfähigen gegenwärtig
bereits rd. 44 Ältere. Nach der mittleren Variante der 10. koordinierten
Bevölkerungsvorausberechnung erhöht sich diese Größe bis 2010 auf 46, um
dann bis 2020 deutlich auf 55 und bis 2030 sprunghaft auf 71 zuzunehmen.
Dieser Prozess einer dramatischen Alterung hat in vielen Gebieten
Ostdeutschlands sowie in den altindustriellen Räumen Westdeutschlands
bereits begonnen. Man spricht schon von einer "altersstrukturellen
Erosion" bestimmter Städte und Kreise, die dort das Risiko einer
künftigen Bevölkerungsimplosion erhöht. Insbesondere beobachtet man eine
rapide Alterung der Erwerbsbevölkerung, die große mittlere Altersgruppe
der 35- bis 49-Jährigen nimmt ab.
Die eben aufgezeigten Alterungstrends treten in räumlicher Hinsicht
keineswegs zeitsynchron auf. Dafür sorgen bereits die bestehenden
Niveau- und Altersstrukturunterschiede der einzelnen Kreise und Städte.
Disparitätenverschärfend kommen Wanderungsbewegungen hinzu. Bei
stagnierender und schrumpfender Bevölkerung sowie einer regionalen
Anpassung der Geburtenraten auf niedrigem Niveau muss diesen Wanderungen
zwangsläufig eine zunehmende Bedeutung zur Erklärung räumlich
divergierender Bevölkerungstrends zugemessen werden. Letzteres ist nicht
nur wegen der Niveaueffekte (Zuwanderungsgewinne führen direkt zu einem
Einwohnerzuwachs) relevant. Noch bedeutsamer sind die längerfristigen
Altersstruktureffekte aufgrund selektiver Wanderungsprozesse.
Konzentrieren sich bei Abwanderungsverlusten z.B. die Abwanderer auf
jüngere Alterskategorien bzw. junge Familien, kommt es bei sukzessiver
Abwanderung zu einer allmählichen "Erosion" der Altersstruktur der
Herkunftsregionen mit beachtlichen Langfristeffekten. Jüngere
Alterskohorten verlassen eine Stadt oder Region, die Geburtenzahl sinkt,
gleichzeitig nimmt der Anteil der gebärfähigen Frauen ab und der
Sterbefallüberschuss steigt. Der Bevölkerungsschrumpfungsprozess muss
sich darum in den Abwanderungsregionen zwangsläufig verstärken. Anders
sieht es in den Städten und Regionen aus, die Zuwanderungsgewinne
erfahren. Dort findet eine altersstrukturelle Auffrischung statt, der
Anteil der Kohorten im gebärfähigen Alter nimmt zu, die Bevölkerung
wächst oder schrumpft zunächst langsamer.
In 2000 war das Bundesland Sachsen mit einem Durchschnittsalter seiner
Bevölkerung von 44,1 Jahren das "älteste" Bundesland, Baden-Württemberg
und der Stadtstaat Hamburg mit jeweils 40,3 Jahren die "jüngsten" . In
den Jahren 1991 bis 2003 ist die Bevölkerung Ostdeutschlands um ein
Vielfaches (im Schnitt um 6,6 Jahre) schneller gealtert als die
Bevölkerung in Westdeutschland (im Schnitt 3,5 Jahre). Noch wirken hohe
Zuwanderungen von Ausländern "verjüngend", dieser Effekt nimmt aber ab.
Innerdeutsche Wanderungen nehmen an Bedeutung zu.
Nimmt man den Anteil der unter 6-Jährigen als Indikator zur Umschreibung
des Bedeutungsanteils des demographischen Nachwuchspotentials, so
standen in 2000 mit Werten von über 7 Prozent die Kreise Cloppenburg,
Vechta, Erding, Emsland, Borken und Freising an der Spitze, Anteilswerte
von 3,5 Prozent und weniger kannten die Städte Dessau, Gera, Suhl,
Brandenburg a.d.H. Hoyerswerda und Wismar. Dort baut sich ein
demographisches Risiko auf. Dies wird noch deutlicher, wenn man die
Entwicklung der unter 6-Jährigen berücksichtigt. Die Stadt Hoyerswerda
hat z.B. von 1995 bis 2000 fast 31 Prozent dieser Alterskategorie
verloren.
1.3. Zu erwartende Heterogenisierungsprozesse
Unsere Gesellschaft wird immer bunter. Diese Heterogenisierung ist im
engeren Sinne zwar keine demografische Rahmenbedingung,
immobilienwirtschaftlich ist sie aber relevant und wird durch die
Alterungsprozesse sowie die Befriedigung eines erhöhten
Zuwanderungsbedarfs verstärkt. Die Alterung impliziert ein Vordringen
kleinerer Haushalte, die verstärkte Zuwanderung von Ausländern einen
Wandel in der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung. Hinzu treten
neue Lebensstile - etwa ein Vordringen kinderloser
Zwei-Personen-Haushalte - bzw. ein Auflösung familiärer Bande und ein
damit verbundener Anteilszuwachs von Einpersonenhaushalten und
Alleinerziehenden. Integrationsprobleme sowie wirtschaftsstrukturelle
Anpassungsprobleme werden zu zunehmenden Wohlstandsdisparitäten bzw. zur
Entstehung neuer Problemgruppen mit besonderem Betreuungsbedarf (Alte,
Arme, Ausländer, Aussteiger) führen. Diese konzentrieren sich bevorzugt
in den Großstädte.
Im Mai 2003 gab es in Deutschland z.B. 38,9 Mio. private Haushalte mit
rd. 82,9 Mio. Haushaltsmitgliedern. Die Zahl der Privathaushalte ist
seit 1991 um 11 Prozent, jene der Haushaltsmitglieder hingegen nur um 3
Prozent gestiegen. Das bedeutet, dass die durchschnittliche
Haushaltsgröße gesunken ist. Im April 1991 lebten durchschnittlich 2,27
Personen in einem Haushalt, im Mai 2003 waren es nur noch 2,13 Personen.
Tendenziell bewegt sich die durchschnittliche Haushaltsgröße auf einen
Grenzwert zwischen 1,7 und 1,8 Personen zu, der in etwa 30 Jahren
erreicht werden kann. Sieht man darum die Haushalte als
Nachfrageeinheiten auf dem Wohnungsmarkt an, heißt dies, dass trotz
sinkender Einwohnerzahl die Nachfrage nach Wohnungen zunächst noch
weiter steigen wird. Regional kann der Einwohnerschwund jedoch so stark
sein, dass auch die Haushaltsverkleinerung nicht mehr ausreicht, um
einen Nachfragerückgang nach Wohnungen zu stoppen.
Universitätsstädte wie München, Freiburg, Hannover, Heidelberg, Kiel
oder Würzburg haben den Grenzwert von 1,7 bis 1,8 Personen je Haushalt
bereits erreicht, in den Kreisen Cloppenburg, Vechta, Emsland, Bamberg,
Neumarkt in der Opf., Eichstätt, Borken, Erding oder Coesfeld werden je
Haushalt noch 2,7 Personen und mehr beobachtet. Hier dominieren in der
Regel die größeren Familien und Eigenheimbesitzer. Zumeist liegt in den
erstgenannten Städten auch der Anteil der Singlehaushalte bei über 50
Prozent. Dies kann aber auch, wie das Beispiel der Städte Wilhelmshaven
oder Pirmasens zeigt, auf das Vorherrschen von Problemgruppen hinweisen,
da diese häufig als Singlehaushalte auftreten.
Nimmt man die Wohnungsnachfrage, kann man die Haushalte in verschiedene
Kategorien aufteilen. Da sind einmal die größeren Familien und bei
überdurchschnittlich hohem verfügbaren Einkommen die potentiellen
Nachfrager nach Ein- und Zweifamilienhäusern. Sie drängen zumeist in die
Umlandkreise von Großstädten und können dort durchaus 20 Prozent der
privaten Haushalte ausmachen. Ihr Anteil wird aber tendenziell
zurückgehen. Eine weitere Kategorie setzt sich aus doppelverdienenden
Zweipersonenhaushalten ohne Kinder zusammen. Diese stellen in der Regel
hohe Ansprüche an die Wohnungen, sind zu überdurchschnittlichen
Mietzahlungen bereit und bevorzugen gerne citynahes Wohnen in den
Großstädten. Sie verfügen über eine überdurchschnittliche Kaufkraft,
sind räumlich mobil und reagieren sensibel auf qualitative
Arbeitsmarktprobleme in der Region. Ihr Anteil an den privaten
Haushalten wird langsam auf etwa 40 Prozent klettern. Dazu kommt eine
immer breiter werdende Schicht mietsensibler Haushalte. Dazu zählen
unter anderem Alleinerziehende, Ausländerfamilien und Lohnempfänger in
den unteren Einkommenskategorien. Sie suchen billigen Wohnraum. Eine
besondere Schicht stellen jene Problemgruppen dar, die häufig als
Nichtvertragsfähige bezeichnet werden und eines besonderen
Betreuungsbedarfs bedürfen. Für deren Unterbringung zeichnen in der
Regel die Kommunen verantwortlich - entweder durch Bereitstellung
eigenen Wohnraums oder durch Anmietung einfacher Wohnungen. In den
Großstädten können sie bis zu 6 Prozent der Haushalte ausmachen.
Es bleibt noch eine nicht zu unterschätzende Schicht räumlich mobiler
Wohlstandssenioren oberhalb der Grenze von 60 Jahren. In der Regel
handelt es sich um Gruppen mit hohem Vermögenseinkommen, die Gebiete mit
hohem Umwelt- und Freizeitwert bevorzugen, aber hohe Ansprüche an eine
gute ärztliche Versorgung stellen. Man findet sie in der bayerischen
Voralpenzone, im Bodenseeraum, im Schwarzwald (so z.B. in Baden-Baden),
im Hochsauerlandkreis, auf Sylt oder zunehmend auch an der Ostsee. Ihre
Kaufkraft garantiert eine gute Entwicklung der haushaltsnahen
Dienstleistungen, insofern wirken sie wie ein klassischer Basissektor.
Die Heterogenisierung bzw. Ausdifferenzierung der Haushalte bietet somit
viele Chancen, sie wird aber zum Problem, wenn sie zu sozialen
Segregationserscheinungen bzw. zur räumlichen Konzentration von
Problemgruppen führt. Dann findet eine sozialräumliche Polarisierung
statt, neben die altersstrukturelle Erosion tritt die soziale Erosion
von Stadtteilen. Hier baut sich vor allem in den Städten
Westdeutschlands ein Problem auf. In vielen Großstädten gibt es nämlich
bereits Stadtbezirke, wo der Anteil der Migrantenpopulation jenen der
Deutschstämmigen übersteigt. Das löst Integrationsprobleme aus.
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