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[Zu den Seiten des DSSW]Clusterbildung und Branchendurchmischung als Schlüssel für eine erfolgreiche Innenstadtentwicklung

Von Jürgen Lembcke, Deutsches Seminar für Städtebau und Wirtschaft, Berlin

Der anhaltende Trend Einkaufzentren, großflächigen Einzelhandel und Discounter in schlecht integrierten Lagen anzusiedeln, hat wachsende Leerstände in vielen Nebenlagen und Stadtteilzentren zur Folge. Auch traditionelle 1a-Lagen und einst erfolgreiche Innenstadtbereiche verlieren an Attraktivität. Wegbrechende Handels- und Dienstleistungsnutzungen beeinträchtigen die Nahversorgung. Eine Verödung von Stadtteilen setzt ein.

Die Probleme sind bekannt, doch was ist zu tun? Die Antwort mag überraschen. Mit verschiedenen städtebaulichen Maßnahmen versucht man meist durch flächendeckende Förderprogramme diese zu lösen – auch erfolgreich. Eine zu starke Problemorientierung kann jedoch den Blick auf vorhandene Stärken von Standorten verstellen. Übergreifende Problemlösungsansätze übersehen oftmals lokale Potenziale. Die meisten Maßnahmen verfolgen den Ansatz, die unterschiedlichen Standorte auf einen – allerdings schwer zu fassenden "Normalstandard" zu heben, angebliche "Branchenlücken" aufzufüllen und eine flächendeckende "Versorgung" zu erreichen. Ausschließlich einen solchen nivellierenden Ansatz zu verfolgen, vernachlässigt aber das hochmobile, erlebnisorientierte und anspruchsvolle Kundenverhalten. Neben einem "vollständigen" Sortiment erwartet der Kunde das Besondere und Überraschende. Innenstadt muss nicht nur erlebbar sein, sondern auch lokale Gegebenheiten spiegeln. Im lokalspezifisch Besonderem, der Spezialisierung und der Förderung vorhandener Stärken steckt für Unternehmen, für die Innenstadt und für ganze Städte oftmals die einzige Chance, sich auch zukünftig erfolgreich im Wettbewerb zu positionieren. In einem Plädoyer für die "Distinctive City", in der sich der Ansatz der Förderung des "Unverwechselbaren" spiegelt, müssen die verborgenen Stärken von Städten neu aufgespürt und gezielt gefördert werden.

In der jüngsten Debatte um regionale Industriecluster in einer globalisierten Ökonomie wird dies getan. Viele Regionen haben ihre exportstarken Industrie- und Wissenscluster entdeckt, fördern sie, knüpfen an Traditionen an und sind in der Entwicklung des Standorts erfolgreich. Das Konstrukt der Metropolregionen ist ein Produkt dieser politischen Debatte. Hier wird auf regionaler Ebene, die oft mehrere Bundesländer umfasst, der Versuch unternommen, die besonderen Stärken sowie die föderale und funktionale Verteilung von Kompetenzen zusammenzuführen, um sich erfolgreich im Wettbewerb zu positionieren.

Zoomt man von der Ebene der Metropolregionen hinunter auf die Städte und ihr Umland ergibt sich ein ähnliches Bild. Unterschiedliche Zentren und Nebenzentren erfüllen nicht nur im Sinne hierarchischer Zentrenkonzepte zahlreiche Funktionen. So gibt es, um es an einem Beispiel plastisch zu machen, in Dresden fünf Zentren: Die touristische Innenstadt mit einem Mix aus Gastronomie und spezialisiertem Einzelhandel. Die Prager Straße als regionales Einkaufzentren mit Filialisten im mittleren Sortiment. Dresden - Pieschen mit einem multikulturellen Delikatessen-Cluster. Die Dresdner Neustadt als Anziehungspunkt für junge Kunden aus der Stadt und der Region mit kleinteiliger Gastronomie und kleinteiligem Einzelhandel. Und nicht zuletzt das Barockviertel mit hochwertigen Angeboten für die regionale Kundschaft.

Nach wie vor haftet den Innenstadtbranchen der Charakter einer Profession an, die Waren im Wesentlichen verteilt und in der die Ansiedlung "von allein" funktioniert. Dem ist nicht so. Zwei Beispiele zeigen die Bandbreite der Entwicklungen: So existieren erfolgreiche hoch spezialisierte Handelsstandorte in Abwanderungsregionen, wie das "Buchdorf" Mühlbeck - Friedersdorf. Ebenso sind weg brechende Innenstadtstandorte in kaufkraftstarken Regionen zu konstatieren, z. B. im Umland von Stuttgart. Viele Akteure der Wirtschaftsförderung tun sich in Deutschland schwer, "weiche" Branchen, wie den Einzelhandel, das Ladenhandwerk, die Gastronomie oder Innenstadtdienstleistungen als Objekte für eine Ansiedlungsstrategie zu erkennen. Die Bemühungen, z. B. in Stadtmarketingprozessen Alleinstellungsmerkmale zu erarbeiten, können mit der "industriellen Clusteranalyse" verbunden werden. Hierbei werden alle wirtschaftlichen Aktivitäten in einer Stadt zusammengetragen. Qualitative Kriterien werden einbezogen, um die Wertigkeit oder Unternehmensmodelle wie Nutzungskopplungen oder Standortverbünde aufzunehmen und bewerten zu können. Auf dieser Grundlage ist es möglich, Potenziale zu erschließen, Cluster zu identifizieren und diese durch gezielte Akquisition passender Nutzungen weiter zu entwickeln.

Neue Unternehmensmodelle entstehen oft als letzte Möglichkeit, um dem Wettbewerbsdruck standzuhalten. Es hat sich gezeigt, dass neben den Top-Standorten in der Innenstadt eine "neue" Branchenvielfalt auf kleinem Raum existiert. Spezialisierungen und branchenübergreifende Nutzungsmodelle machen sich Synergieeffekte in Form gleicher Zielgruppen oder durch Lieferbeziehungen zu Nutze. Es entstehen Nutzungscluster, die auch einem kleinen Standort ein neues Profil geben. In der Konsequenz werden diese Standorte mit wirtschaftlichem Wachstum gleichgesetzt. Dies hat Auswirkungen auf die Immobilienentwicklung und auf das Quartier. Es entstehen gemischt genutzte Immobilien, mit denen eine Branchenvielfalt angeboten werden kann, die weit über ihre Versorgungsfunktion hinausgeht. So entwickeln sich z. B. in Spanien Markthallen zu vielseitig genutzten Stadtzentren. Vorangetrieben wird diese Entwicklung von einer kommunal ausgegliederten Markthandelsinstitution. In der Konsequenz kann die wieder entdeckte Branchenvielfalt mit Dienstleistungen, dem Handwerk oder Freizeit- und Gastronomieeinrichtungen die verloren gegangene Leitfunktion des Einzelhandels ersetzen. Die Bandbreite reicht bei Nutzungskonzepten zur Wiederbelebung von Leerstandslagen vom Eventcharakter temporärer Nutzungen über Testnutzungen von Designstudenten bis hin zur gezielten Vermarktung und Etablierung eines gesamten Viertels als Freizeitstandort. Entscheidend bei der Förderung innovativer, in der Startphase oft wirtschaftlich riskanter oder wenig rentabler Nutzungen ist die Erkenntnis, dass Standortentwicklung nur als Prozess funktioniert. Durch die Bereitstellung von "Möglichkeitsräumen" für Testnutzer können nicht nur vorhandene Stärken gefördert, sondern auch neue Potentiale erschlossen werden. Pioniere neuer Nutzungen und origineller Kopplungen profitieren in der Summe voneinander und schaffen damit auch für ihren Standort ein neues Gesamtkonzept.
 

Das DSSW ist eine Beratungs- und Forschungseinrichtung für die Erarbeitung von innovativen Handlungsmöglichkeiten zur Innenstadtentwicklung. Es arbeit unter dem Dach des DV und wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Wirtschaft finanziert.

Weiterführende Informationen erhalten Sie auf den eigenen Seiten des DSSW unter www.dssw.de
 



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