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Herausforderung für Städte im Wettbewerb

    Dr.-Ing. Irene Wiese-von Ofen
 

Dr.-Ing. Irene Wiese-von Ofen, Beigeordnete der Stadt Essen a. D., Architektin AKNW, Vorsitzende des Verbandsrates des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e. V. (DV), Past President of the International Federation for Housing and Planning

Städte sind wie Menschen in erster Linie unterschiedlich. Sie wissen auch in den profansten Städten, ob sie in Gelsenkirchen oder Recklinghausen, in Detroit oder Denver sind. Städte sind weiter zu allererst einmal in toto immobil; das unterscheidet ihre Lebendigkeit von der Ganzheit eines Körpers und der Summe (auch eines großen) Kapitals. Sie haben eine Lagebedingtheit: Hamburg wie Barcelona z.B. nutzen ihre Küstenlage und aus dem geschickten Nutzen dieser lagegegebenen Vorteile entsteht internationaler Wettbewerb, der natürlich noch durch weitere wirtschaftliche, handelspolitische, klimatische u. a. Faktoren beeinflusst wird. Imagekonkurrenz gibt es daneben schon lange; im Ruhrgebiet als Kirchturmspolitik verspottet, aus Rivalitäten z.B. zwischen Düsseldorf und Köln (nicht nur aus der Weiberfastnacht) bekannt und Berlins Bemühen, spätestens nach der Reichsgründung Paris, London oder Wien zu erreichen haben schon im föderalen Deutschland nicht nur Wohlwollen ausgelöst.

Städte sind eigentlich geübt im Wettbewerb - ob um ansiedlungswillige Firmen oder um Bewerbungen um große Sportveranstaltungen, Kulturhauptstadt oder Weltausstellungen. "MOMA" oder "Cezanne", die "Staufer" oder "Otto der Große" zu präsentieren - auch mit Kulturereignissen zu punkten haben sie gelernt. Bewerbungen um die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes bringen à la longue der Bedeutung einer Stadt als Ort, der touristisch einen Vorsprung bekommt und in internationaler Anerkennung sich sonnen kann, auch ökonomische Vorteile. Selbst der Streit um die Wahrung des Weltkulturerbes (s. die Hochhausdebatten um Köln oder Wien) trägt zur Publizität bei, und erweisen sich somit eigentlich eher weniger als nachteilig denn in der ernsthaften Fachdebatte befürchtet, wenn man z.B. an das Resumeé zur Prognose möglicher unterbleibender Investitionen nach abschließendem Ergebnis der Debatte hier in München denkt. Städtische Kämmerer haben auch schon immer vorgerechnet, wie viel Löcher im Hauhalt durch fehlende, zuziehende oder wegziehende Bürger entstehen. Die Städte haben bisher meist mit Wohnungsbauprogrammen darauf geantwortet, d.h. um Einwohner geworben. Nicht nur daraus resultieren viele (zu viele) - der vom Rat für Nachhaltigkeit letztendlich beanstandeten - Flächenausweisungen für Wohnbauzwecke.

Ob und was die Städte aus Anlass von Großereignissen machen, führt zu höchst unterschiedlichen Lösungen und nicht immer zu nachhaltigen Vorteilen. München hätte sicherlich nie eine so fabelhafte U-Bahn erhalten ohne die Olympischen Spiele, Lissabon keine durchgreifende Industrieviertelsanierung und Rückgewinnung der Uferfront ohne die Weltausstellung und Graz hätte kaum so viel internationale Beachtung gefunden, die sich auch baulich in der Renovierung des Stadtkerns niedergeschlagen hat samt mutiger Neubauten als durch die Kulturhauptstadt - um nur einige Beispiele zu nennen.

Herausforderungen für die Städte könnte man angesichts dieser Beispiele etwas leichthin definieren als Notwendigkeit, sich um solche Highlights zu bewerben und die Stadtpolitik darauf zu fokussieren. Wettbewerb - so sagt man - belebe das Geschäft. Städte aber sind kein "Geschäft" und es steht ihnen auch nicht an, Geschäfte zu machen. Sie werden nie unter Rentabilitätsgesichtspunkten als erfolgreich oder weniger erfolgreich zu beurteilen sein, denn sie sind Ort des nur bedingt planbaren Lebens, immer noch Orte der Zuflucht aus den verschiedensten Gründen, sie sind Sammelbecken von Starken wie Schwachen, Edlen wie Strolchen, Stätten glanzvoller Schönheit und Luxus und unendliche Ansammlungen von Profaneität und Hässlichkeit. Sie sind alles gleichzeitig und ziehen aus dieser Ungleichzeitigkeit von Ansprüchen und Zuständen ihre Lebendigkeit und ihr Überlebenspotential. Homogenität - wenn sie denn überhaupt erreichbar wäre - mag zwar Ziel mancher Sehnsüchte nach Friedlichkeit im Sinne von Freiheit von Anstrengungen der Konkurrenz und Sicherheit sein, würde jedoch kaum die Kreativität bringen, die Zukunftsfähigkeit bedeutet; Spannungslosigkeit erzeugt Stillstand, denn nur aus Spannungsaufbau und -abbau entsteht Energie, und ob eine Stadt sie hat (power = Kraft, wie es in der englischen Sprache noch treffender heißt) spürt man, wenn man eine Stadt betritt.

Städte werden oft überschätzt wie unterschätzt. Die Überschätzung, d.h. die Erwartung, sie könnten alles regeln, seien für die Wohlfahrt ihrer Bürger in jeglicher Hinsicht ihrer verschiedensten Ansprüche zuständig, und seien zudem der Hort der Demokratie - hat sicher immer noch mit den Nachwehen des hoheitlichen Staatsverständnisses etwas zu tun. Wohingegen die Unterschätzung davon ausgeht, alles privat Geregelte sei besser, effizienter, schneller und kostengünstiger. Beides ist nicht richtig. Die erste Herausforderung für die Städte im Kontext der Erwartungen einer wohl auch nach langer Zeit zum ersten Mal etwas in die Krise geratenen Immobilienwirtschaft sehe ich darin, diese wechselseitigen Fehleinschätzungen zu revidieren, denn sie bestimmen offensichtlich oft genug das Handeln von tatsächlichen oder potentiellen Investoren. Zum ersten Komplex - der Überschätzung - gehört m. E. auch die Erwartung, dass Städte durch den geforderten Wettbewerb untereinander soviel Spitzenpositionen erreichen könnten, dass sie lukrative Standortbedingungen d.h. Lagen, die Renditen bei entsprechendem privaten Handeln und Investitionen verheißen, zu bieten in der Lage sein müssten. Städte können aber nur und müssen den rechtlichen Rahmen abstecken, aber Aufgabe Nr.1 wäre es m. E., gemeinsam Lagen zu schaffen, die à la longue attraktiv und damit gute Rendite versprechend sind, und man sich nicht erst zu Investitionen entschließt, wenn die durch die öffentliche Hand aufwendig geschaffenen Lage das einigermaßen risiko-lose Geschäft verspricht. Projektentwicklung müsste demnach sich von Shareholder-value und den tatsächlichen oder angenommenen Stakeholder-Rechten zum "Community-value" im Sinne nachhaltiger Stadtentwicklung hin bewegen. Die Erkenntnis, dass es auf Dauer mir nur gut geht, wenn es auch dem anderen gut geht, müsste ihren Niederschlag im veränderten Handeln finden. Das würde z.B. bedeuten, dass auch materielle Wohltaten erst in der nächsten Generation entstehen, statt des heute Üblichen: Die Wohltaten heute, die Lasten morgen für die, die nach uns kommen.

Zum Komplex der Unter-Schätzung gehört m. E. das Vorurteil, dass Städte weder über wirtschaftlich denkende Spitzen noch über flexibel handelnde Entscheider verfügen und Private wirtschaftlicher, schneller und effizienter in Entscheidungsabläufen, Umsetzung und Durchführung seien. Großstrukturen, ob die öffentlicher Hände oder die fusionierter Unternehmen der Wirtschaft (besonders wenn sie durch außerhalb der Gemeinde residierende Hauptverwaltungen geführt werden), zeigen die gleiche Schwerfälligkeit großer Apparate. Und was man in den Wirtschaftsnachrichten bei wirtschaftlichen Schieflagen großer Firmen über verpasste Marktchancen liest, spricht keineswegs dafür, dass private Hände flinker handelten als öffentliche. Wir sollten bei jeder Kritik - hier wie dort - die Zahl der Entscheidungsebenen in Betracht ziehen, d. s. im privaten Bereich insbesondere die unterschiedlichen Rechtsformen und Eigentumsstrukturen und im öffentlichen Bereich die Hierarchieebene, auf der die anstehende Entscheidung zu fällen ist, und die Vielzahl sektoraler Gremienzuständigkeiten. Aber wir alle wissen, dass Querschnittskoordinierung die eigentliche Geißel jedes Zeitplans ist. Wer je unter Zeitverlusten durch verzögerte Entscheidungen großer Apparate gelitten hat, kann die nicht nachprüfbaren Entscheidungsanonymitäten und die oft auch nicht erkennbar werdende Verantwortungsübernahme nur bedauern. Somit das gleiche Leiden.

In einem wesentlichen Punkt unterscheiden Städte sich jedoch von privaten Unternehmungen und ihren letztendlich zuzuordnenden Entscheidungsstrukturen: Jenseits aller wirtschaftlichen Abwägungsprozesse sind und bleiben sie Orte sozialen Lebens. Sie sind Stätten

der Kultur - der Schönheit - der Erholung

kurz der vorsorgenden, der nachsorgenden, der immateriellen Wohlfahrt. Sie sind das Ergebnis zahllosen individuellen Handelns. Als solche sind Städte zwar ohne Zweifel wirtschaftliche Kristallisationspunkte und Motor materieller Wohlfahrt, sie sind aber ebenso Orte sozialen Ausgleichs, der Versorgung der Schwachen, der Hilfe für diejenigen, die sich nicht oder nur schwer selbst helfen können. Im geforderten Wettbewerb der Städte um Glanz, Spitzenleistung und Attraktivität, da sie wie eine geschmückte Braut wohl nur dann gut verheiratet werden können, wird oft vergessen, dass die Anziehungskraft von Städten auch gespeist wird aus besserer Obdachlosenfürsorge, Krisenhilfe für Drogenabhängige, Einsatz von Streetwalkern für arbeitslose Jugendliche, Konsensbündnissen für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Unqualifizierter, Betreuungsmodellen für allein erziehende Mütter und Netzwerken zur Versorgung Alter und chronisch Kranker und manches andere mehr an Gemeinschaftsleistungen, die erforderlich sind in diesem Gemeinwesen, das sich Stadt nennt und seit Jahrhunderten diese Freiheit der Vielfalt aushält, schützt und versorgt Städte leiden unter dem Anstieg an vielfältigen Ansprüchen an sie und dem gleichzeitigen Rückgang an Finanzausstattung. Noch immer hat der versprochene Finanzausgleich keine eigenen Steuerhebungsmöglichkeiten geschaffen, mit der dezentrale Verantwortung auch an Budgethoheit gebunden wäre. Eigentlich kann Aufgabenhoheit in der Abwicklung auch nur so funktionieren. Stattdessen ist eher das Gegenteil zu beobachten. Es ist bekannt, dass die Soziallasten den immer größeren Anteil in städtischen Haushalten haben, der investive immer weiter zurückgeht. Die Städte stehen vor der Aufgabe, ihren Bürgern ein "Wir-Gefühl" zu vermitteln, den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Im Grunde ist das auf der lokalen Ebene die gleiche Aufgabe wie auf der der EU mittels der Kohäsionspolitik Europa als Ganzes sich selbst finden zu lassen und gleichzeitig durch Wettbewerb untereinander den ökonomischen Motor zu stärken. In der Äußerung von Junckers, als derzeitigem luxemburgischen EU-Vorsitzenden zugunsten eines Primates der Kohäsions-Politik und Barrosos Entgegnung zur Priorität der Ökonomie ist diese Herausforderung hinreichend beschrieben. Angesichts der Entwicklung in der EU, die eine veränderte Politik in den Strukturfonds nach 2006 bis zu einer stärkeren Rolle der städtischen Dimension anstrebt, sind Deutschlands Städte eher im Nachteil. Die städtische Dimension ("Urban Policy") ist kein Prioritätspolitikfeld in Deutschland - aber das ändert sich hoffentlich. In der Konkurrenz des föderalen Landes Deutschland hat die EU zu viele Ansprechpartner, wie umgekehrt die Städte in der EU-Administration bzw. den EU-Gremien keine adäquaten Ansprechpartner haben. Am deutlichsten kann man das am "german vote" feststellen, wenn wegen fehlender Abstimmung oder Uneinigkeit zwischen Bund und Ländern, Deutschland sich bei Abstimmungen wieder einmal der Stimme enthält. Die Städte glauben deshalb, es würde sich an ihrer Situation manches bessern, wenn sie direkt in Gremien der EU vertreten wären. Vor allem aber, wenn der Stellenwert städtischer Politiken bei Bund und Ländern stiege. Dann würden z.B. Gemeinschaftsaufgaben wie Städtebauförderung, Eigenheimzulage, Pendler-Pauschale, Hochschulfinanzierung, Kinderbetreuungseinrichtungen und manches andere nicht mehr im Gerangel um Macht und Einfluss und "Goldenen Zügel" untergehe, sondern sachgerecht und ideologiefreier diskutiert und vielleicht sogar gelöst werden können. Möglicherweise ist die fehlende Anerkennung für die Städte in der deutschen Gesellschaft (das Sehnsuchtsziel der Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist z.B. immer noch das Einfamilienhaus im Grünen) noch ein Relikt aus der Stadtfeindschaft des ausgehenden 19.Jahrhunderts, die in der gesamten Literatur der damaligen Zeit angesichts der Auswüchse der Industriestädte ihren Niederschlag fand. Vielleicht auch ist es das kollektive Gedächtnis der Stadtzerstörungen des 2.Weltkrieges, wo ländliche und dörfliche Regionen weitgehend unzerstört blieben. Vielleicht ist es auch die Konflikt-scheu unserer Gesellschaft, die die deutsche Bevölkerung aus Stadtvierteln mit einer Mehrheit nichtdeutscher Bewohner und Kindern mit Migrationshintergrund wegziehen lässt ins Umland, wo man sich deutsch und sicher wähnt. Speckgürtel und "urban sprawl" sind jedoch nicht nur ein nationales Phänomen.

Diese Tendenz der Suburbanisierung ist in allen Ländern Europas ungebrochen. Dafür gibt es zahlreiche Motive, beispielsweise:

  • Bodenpreise und Grundstückserschließungskosten
  • Gesichertes Wohnen / überschaubare Nachbarschaften
  • Verbindung zur Landschaft
  • Möglichkeiten individueller Mobilität
  • Weniger Lärm
  • Sport / Freizeit / Erholungsnähe.

Diesem Bündel an individuellen Vorteilen hat die auf Rücksichtnahme und Ausbalancieren von Interessenkonflikten angewiesene verdichtete Stadt wenig entgegenzusetzen - noch nicht einmal Kulturangebote, deren Einrichtung auch für das Umland vorgehalten werden.

Kulturfeste gibt es mittlerweile sommers wie winters draußen auf Schlössern, Gutshöfen, in Kirchen und Museen, die Künstler kommen aufs Dorf. Das Gleiche gilt für das Erlebnis-Einkaufen in Shopping-Centern vor den Toren der Städte in Verbindung mit Hotels, Leisure und Sport.

Die Menschen orientieren sich auf das für das eigene Lebensoptimum maßgebliche nahe Umfeld. In diesem Zusammenhang konzentriert sich das Stadtgefühl auf Wohlgefühl und Ereigniserfahrung, Attraktivität basiert auf Angebotvielfalt und Event-Wechsel. Damit gewinnt neben Kultur, Gesundheit und Einkaufen auch Landschaft einen wieder größeren Stellenwert: Landschaft für den attraktiven Blick vom Wohnen an ihrem Rande aus, Landschaft für Schönheit, Landschaft für Stille, Landschaft für Sport, Landschaft für alternatives Leben.

Internationale Wettbewerbe junger Architekten zeigen, dass Wohnen und Landschaft ein sich wechselseitig bedingender Topos ist, der die kompakte europäische Stadt mit den steinernen Plätzen der städtischen Begegnung, wenn nicht gar ablöst, so doch zumindest ergänzt. Bei sinkenden Bevölkerungszahlen und nicht mehr nachgefragten Wohnungsbeständen sollte man diesen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel bewusst planerisch einsetzen. Die Herausforderung für die Städte ist, Partner zu finden, die diesen Wechsel mit vollziehen und baulich gestalten, mit Komplexität umgehen können - und in ihre Finanzierungskonzepte einbeziehen.

Die aus der Ausdifferenzierung der Lebensmilieus resultierenden höchst unterschiedlichen Lebensstile zu befriedigen bietet derzeit weder der Bestand noch ausreichend die Angebotspalette der Wohnungswirtschaft. Arbeiten und Wohnen zusammenbringen - den veränderten Berufsfeldern gerecht zu werden und ein lange beschworenes Ideal umzusetzen - steckt als Chance in der Umgestaltung des Bestandes, um attraktives Neues spannungsreich ergänzt. Dieses müsste die Immobilienwirtschaft eigentlich schon um ihrer selbst willen versuchen, nicht nur wegen der Stadt und ihrer städtebaulichen Leitbilder der gemischt genutzten Quartiere.

Wenn die deutsche Gesellschaft darüber hinaus sich wirklich sicher wäre, dass die Städte die Orte der Wissensgenerierung und der Motor der Entwicklung wären, wie Stadtplaner und Soziologen nicht müde werden zu beschwören, und vor allem die internationale Diskussion und Berichte der UNCHS im globalen Kontext behaupten - heimlich aber doch offensichtlich der Campus vor den Toren (sei es der Universitätscampus oder Feriencampus) ihnen eher dafür geeignet erscheint - würde vielleicht der Gemeinschaftssinn wiedererwachen, den einmal das unabhängige Bürgertum ausgangs des Mittelalters entwickelt hatte gegen Kirche und Adel, und sein Gemeinsinn mit Handel, Bildung, Eigentum und Selbstverwaltung bis heute prägte und letztendlich dann auch baulich so gestaltete, wie uns das denkmalswürdige Erbe als wichtiges Pfand der Identität und Attraktivität unserer Städte dient. Die wortreiche Beschwörung des Gemeinschaftssinnes in Form von Ehrenamt, Sponsoring, NGO, Corporate Citizenship und vielen anderen ehrenwerte Initiativen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in den Städten dieses Gemeinsinns mangelt und die Städte mit noch ganz anderen Umbrüchen fertig werden müssen.

Die demografischen Veränderungen der älter werdenden Bevölkerung müssten eigentlich zu anderen Wohnformen, anderen Betreuungsangeboten, anderer Nahversorgung und veränderten Dienstleistungen führen. Bisher ist aber davon nur wenig zu erkennen. Die Städte tun sich schwer damit, diese Auswirkungen der Alterung, des Verlustes an Jugend, der Zunahme nichtdeutscher Bevölkerung und der notwendigen Zurücknahme von Infrastruktur Politik und Öffentlichkeit zu vermitteln. Der daraus resultierende Konkurrenzdruck (wer behält welche Einrichtung überregionaler Bedeutung?) wächst. Die Städte haben es noch nicht geschafft, die Wirtschaft mit den Aufgaben der Schrumpfung zu versöhnen, obwohl diese oft vor der gleichen Aufgabe steht. Nur auf Wachstum zu setzen - als Glaubenssatz der Wirtschaft - man gäbe sich sonst selbst auf, kann sich auch als Irrglaube erweisen. Und wenn sie aus dieser Maxime Betriebe verlagert oder Betriebsstätten schrumpfen lässt, Firmensitz verlegt u. a. fallen solche Firmenentscheidungen ohne Rücksicht auf Belange der jeweils betroffenen Stadt. Wegziehende Menschen, leer stehende Wohnungen und Büros, verfallende Hallen, Tankstellen und Parkplätze, überflüssige Ladenlokale, stillgelegte Bahnanlagen, sich wild begrünende Sportplätze, vergessene Bahnhöfe - alles Bilder, die wir nicht nur aus dem Osten Deutschlands kennen und die es selbst in bestimmten Stadtteilen auch in ansonsten boomenden Städten gibt.

Was können die Städte tun? Was tun sie schon?

Sie müssen sich klar werden über die Fakten. Sie müssen ihre Bürger, die Vertreter ihrer Wirtschaftsunternehmen und der relevanten Gruppen, Vereine und Verbände dafür gewinnen, diese Veränderungen zum Ausgangspunkt ihres jeweiligen veränderten Handelns zu machen. Sie können manches an rechtlichen Rahmenbedingungen über das novellierte BauGB vorbereiten. Sie können Offenheit im Gespräch, Partnerschaft im Entwickeln gemeinsamer Vorgehensweisen anbieten, sie können die Führung übernehmen im Schmieden von Bündnissen mit entscheidenden Wirtschaftsvertretern, mit Bildungseinrichtungen, mit Jungunternehmern und Initiativen aller Art, Investoren zu Partnern machen, Prozesse besser steuern durch verwaltungsinterne sektorübergreifende Abläufe, verlässliche Entscheidungen zwischen Politik und Verwaltung organisieren, Partizipation moderieren und immer wieder von neuem die eigenen Spielräume ausloten. "Enabling strategies": Ermöglichen statt bedenklich sein, nennen unsere angelsächsischen Kollegen ihre Vorgehensweisen, mit denen dann z.B. so Städte wie Liverpool oder Manchester, die vor Jahren das abschreckende Beispiel deindustriellen Niedergangs waren, heute revitalisiert und wieder attraktiv sind.

Die Herausforderung an die Städte liegt in der Aufgabe des Ermöglichens, nicht in derer Abgabe von Verantwortung oder im Abschaffen von am Allgemeinwohl ausgerichteten Regeln zugunsten von auf kurzfristig erreichbaren wirtschaftlichen Erfolg ausgerichteten Zielen. Sie liegt darin, die Immobilienwirtschaft (wie auch die anderen Wirtschaftsbereiche) dafür zu gewinnen, dass Projektentwicklung nicht nur auf das eigene Projekt sich konzentriert, sondern integratives und sektorübergreifendes Denken und Handeln einschließt. So könnte die Übernahme der Kofinanzierung von EU-Mitteln z.B. eine kleinräumige integrierte Förderung benachteiligter Stadtgebiete ermöglichen, die sonst unterbliebe, da die städtischen Finanzen die Kofinanzierung nicht schaffen. Da in abdriftenden Stadtteilen Immobilien an Wert verlieren, sollte fast schon das Eigeninteresse das gemeinsame Upgrading zustande bringen, was dann allerdings z. T. die Übernahme artfremder Aufgaben für die Immobilienwirtschaft bedeuten würde (besonders in Vierteln mit einem hohen Anteil von Privateigentümern, die meist alt und kapitalschwach sind und die erst mit aufwendiger Betreuung einzubeziehen sind). Oder die entsprechenden Versuche mit BID (Pilotphase HH) oder Standortgemeinschaften, d.h. freiwillige Verträge in NRW, die weitere Ansätze zeigen einen rechtlichen Rahmen zu schaffen für das, was über das hinausgeht, was die Städte in der ganzen Stadt tun. D.h. summa summarum: Beide, Stadt und Immobilienwirtschaft müssen aufeinander zugehen, miteinander um den besten Lösungsansatz ringen, von Fall zu Fall die Partnerschaft um weitere Interessenten vergrößern und neben möglichen finanziellen vor allem auch moralische und verfahrensmäßige Hilfe leisten.

Die Städte, die ein Klima der Offenheit, der Kooperation, der sozialen Kompetenz, der partizipativen Prozesssteuerung und Einbeziehung aller Beteiligten kreieren, die vor allem ein familien-freundliches Klima schaffen (und das erschöpft sich nicht nur im Einrichten von Kindertagesstätten: Die Statistik zeigt, wo Kinder sind, steigt auch die Kaufkraft, denn wo Kinder gut leben, gibt es Zukunftsorientierung, die letztendlich auch der Wirtschaft zugute kommt) diese Städte werden schließlich auch wirtschaftliche Gewinner sein. Ansiedlungspolitik in Zeiten von Angebotsüberfluss und nicht mehr Nachfrageengpässen werden mehr von einem solchen kooperativen Klima mitbestimmt sein als je durch den traditionellen Kanon der Nähe von Flughafen, ICE-Bahnhof, guter Schulen und eines Golfclubs oder Theater vielleicht auch noch als Kriterium für Standortentscheidungen beeinflusst wurden.

So individuell und phantasievoll wie möglich sollte man sich das gemeinsame Vorgehen vornehmen - das schafft dann Schritt für Schritt die Individualität oder das - ich meine weitgehend subjektive - Alleinstellungsmerkmal, das anzieht und Sympathie auslöst und unter der die Städte dann dem globalen Wettbewerb - hoffentlich - standhalten.

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