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Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Immobilienwirtschaft
Von
Dr. Hans-Michael Brey, Generalsekretär, Deutscher Verband für
Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V., Berlin
Die Diskussion zur politischen Bedeutung der Immobilienwirtschaft
wurde auch im Jahr 2005 intensiv weiter geführt. Gekennzeichnet ist der
Diskussionsprozess in den Verbänden, den Unternehmen und in den
Verwaltungen durch zwei Strömungen. Zum einen wird die Auffassung
vertreten, dass die Wohnimmobilie weiterhin als Sozialgut zu betrachten
ist. Trotz vieler Unzulänglichkeiten ist das bisher verfolgte Konzept
der Sozialen Marktwirtschaft allen anderen Organisationsformen in der
Wohnungswirtschaft weit überlegen, und zwar sowohl in der
wirtschaftlichen wie auch in der sozialen Leistungsfähigkeit. Zum
anderen wird die Auffassung vertreten, dass die Wohnimmobilie nicht
länger als Sozial-, sondern Handelsgut zu betrachten ist. In der
Konsequenz soll sich die Immobilienwirtschaft verstärkt für die
internationalen Märkte und ihre Belange öffnen. Es wird eine
Marktwirtschaft postuliert, die die bisher erreichten sozialen Standards
in weiten Bereichen auf den Prüfstand stellt. Geprägt wird der
Diskussionsprozess durch Gesellschaften aus Großbritannien oder den USA,
die begonnen haben, den deutschen Wohnungsmarkt für sich zu entdecken.
Sie suchen internationale Anlagemöglichkeiten mit hohen Renditen bei
überschaubarem Risiko. Von Seiten der Gesellschaften wird eine
Gewinnmaximierung angestrebt, die sie durch eine Optimierung des
Managements, den Verkauf von Einzelwohnungen an Mieter und
Kapitalanleger oder durch Blockverkäufe an andere Investoren
auszeichnet. Den Anreiz zur Investition bieten ihnen u. a. niedrige
Aktien- und Anleihenrenditen, niedrige Fremdkapitalzinsen, eine niedrige
Eigentumsquote in Deutschland, günstige Kauf- und Mietpreise sowie das
momentane Fehlen deutscher Wettbewerber.
Ferner findet der Diskurs zu einer Zeit statt, in der die Veränderungen
der Lebenswirklichkeiten in Europa ein Ganzes bilden: die alternde und
zahlenmäßig abnehmende Bevölkerung, das Erstarken der
Produktionsfaktoren Wissen und Kapital, die Veränderung der
Erwerbsarbeit, der sich ändernde Bedarf an industriell tätigen
Arbeitskräften, die Entstaatlichung des Sozialen und die
Wiederentdeckung des Wettbewerbsprinzips. Im Zuge des Diskurses zwischen
Politik, Unternehmern, Verwaltung und Wissenschaft wurde ein Aspekt
deutlich: Über die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der
Immobilienwirtschaft ist bisher wenig bekannt. Es wohnt und arbeitet ein
jeder in einer Immobilie, doch eine wissenschaftliche Grundlage, die
fundiert über die gesamtwirtschaftliche Bedeutung des Immobiliensektors
Auskunft gibt, liegt nicht vor. Aus diesem Grunde wurde die nachfolgend
zusammengefasste Studie "Die volkswirtschaftliche Bedeutung der
Immobilienwirtschaft" als ein Gemeinschaftswerk zwischen der
Gesellschaft für Immobilienwirtschaftliche Forschung e. V., als
Initiator, und den Wohnungswirtschaftlichen Verbänden sowie dem
Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung aufgelegt. Ziel
der Studie, die Immobilienwirtschaft als einen "Teil des Ganzen"
darzustellen. Anhand ausgewählter Sachverhalte wird die Bedeutung des
Immobiliensektors vorgestellt und auf Kenntnis- sowie Informationslücken
hingewiesen (1)
.
Im Zuge der Studie wurde zunächst eine definitorische Abgrenzung der
Immobilienwirtschaft vorgenommen. So wird die Immobilienwirtschaft als
der funktional oder institutionell abgegrenzte Teilbereich einer
Volkswirtschaft bezeichnet, der sich mit den Immobilienbeständen und
deren Veränderungen sowie mit der Bewirtschaftung und Nutzung von
Immobilien beschäftigt. Im Zusammenhang mit Immobilien ergeben sich
sowohl zu den Bestands- als auch zu den Stromgrößen eine Reihe von
Fragen nach Niveaus und Strukturen sowie nach Entwicklungen und
Zusammenhängen, die bisher nicht befriedigend beantwortet wurden.

Des Weiteren ist zu konstatieren, dass Immobilien Charakteristika
aufweisen, die bei anderen Gütern so nicht anzutreffen sind. Sie sind
standort- und funktionsgebunden, weisen eine lange Lebensdauer auf und
prägen die Umwelt sowie die damit verbundenen Lebensbedingungen
nachhaltig. Die Nutzungsphasen und die damit einhergehende
Wertschöpfungskette dauern etwa 50 Jahre. Gekennzeichnet sind die Phasen
von Eigentümer- und Nutzerwechseln. Ein Immobilienzyklus zerfällt in
eine Entstehungs- und eine Verwertungsphase. Neben den Primärfunktionen
erfüllen Immobilien Zusatzfunktionen, die von der Altersvorsorge, über
die Sicherung von Krediten bis hin zum Denkmalschutz reichen. Wird die
Immobilie als Teil des Netto-Anlagevermögens betrachtet, so ist zu
konstatieren, dass das gesamte VGR - Nettoanlagevermögen
(2) sich
Anfang 2003, bewertet zu Wiederbeschaffungspreisen, auf 6,5 Billionen
Euro belief. Nach Art der Vermögensgüter ergibt sich die folgende
Zusammensetzung. Das Vermögen für Ausrüstung, Nutztiere und
Nutzpflanzungen beläuft sich auf 936 Milliarden Euro. Das Vermögen für
immaterielle Ausrüstungsgüter beläuft sich auf 57 Milliarden Euro und
das für Wohn- und Nichtwohnbauten auf 5.533 Milliarden Euro. Auf die
Bauten als wichtigsten Bestandteil der Immobilienbestände entfallen 85
%.

Im Zeitraum zwischen 1991 und 2004 ist das Nettobauvermögen von rund 4,3
Billionen Euro auf 6,5 Billionen Euro angewachsen. Der auf die
Wohnbauten entfallende Anteil stieg in dem Zeitraum um fünf Prozent auf
50 Prozent. Der Anteil der Nichtwohnbauten ist auf 35,5 Prozent
gefallen. In diesem Kontext ist es unverständlich, dass die
Ausklammerung von Grund und Boden als "Nichtproduzierte Vermögensgüter"
bei der Berechnung des Kapitalstocks bisher Konsens ist. Daher sind
Grundstücke, so ein Ergebnis der Studie, als eine besondere Art von
"Produzierten Vermögensgütern" anzusehen. Mit Blick auf die Entwicklung
des Immobilienvermögens ist zu konstatieren, dass die Gesamtfläche
Deutschlands rund 35,7 Millionen Hektar beträgt. Auf die Siedlungs- und
die Verkehrsfläche entfielen im Jahre 2003 mit fast 4,5 Millionen Hektar
etwa 12,5 Prozent der Gesamtfläche. Das gesamte Immobilienvermögen, das
sowohl den Wiederbeschaffungswert sämtlicher Bauten als auch den
geschätzten Grundstückswert umfasst, erreichte 2003 einen Wert von 7.217
Milliarden Euro
(3) . Einschließlich der Ausrüstungsgüter und der sonstigen Anlagen
beläuft sich das derart erweiterte Anlagevermögen auf 8,21 Billionen
Euro. Der Anteil der Immobilien daran beträgt 88 Prozent.

Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Immobilienwirtschaft lässt sich
nicht nur an der Struktur der Bodenutzung festmachen, sondern auch an
den unterschiedlichen, aber wiederum gleich dimensionierten oder in
Geldeinheiten bewährten Stromgrößen. Hierzu gehören u. a. die
Bauwerksbestände sowie Leistungen und Beschäftige bzw. Erwerbstätige des
Baugewerbes und des Grundstücks- und Wohnungswesens. Der Bauanteil am
Bruttoinlandsprodukt als gebräuchlichstem Konzept zur Messung der
gesamtwirtschaftlichen Leistung ist seit 1991 von 12,8 Prozent auf 14,9
Prozent im Jahr 1994 angestiegen. Im Jahr 2004 lag der Anteilswert bei
10,2 Prozent. Gemessen an diesem Indikator war die volkswirtschaftliche
Bedeutung der Bauwirtschaft rückläufig. Die Bruttowertschöpfung des
Grundstücks- und Wohnungswesens erreichte im Jahr 2002 etwa 249
Milliarden Euro. Das Baugewerbe brachte etwa 89 Milliarden Euro. Der
Anteil des Grundstücks- und Wohnungswesens an der Bruttowertschöpfung
betrug im Jahr 1991 erst 9,5 Prozent, im Jahr 2002 aber bereits 12,7
Prozent. Beim Baugewerbe ging er von sechs auf vier Prozent zurück. Im
Jahr 2003 waren statistisch zusammengefasst 389.729 Erwerbstätige im
Grundstücks- und Wohnungswesen beschäftigt. Diese Zahl ist seit 1997 um
fast 15 Prozent gestiegen. Das Baugewerbe beschäftigte 2003 etwas mehr
als 2,3 Millionen Beschäftigte. Im Jahr 1997 waren es noch knapp 3
Millionen Erwerbstätige. Wird die neue Dienstleistungsstatistik zugrunde
gelegt, erzielten im Jahr 2002 über 165.000 Betriebe, die mit ihrem
Schwerpunkt Immobilienwirtschaftliche Leistungen erbrachten, einen
Umsatz von 98,15 Milliarden Euro. Ein Drittel des
Bewirtschaftungsumsatzes kommt aus der Vermittlung, zwei Drittel kommen
aus der Verwaltung.

Neben den realen Umsätzen, die durch die Bewirtschaftung, erbracht
werden, wurde im Rahmen der Studie das fiktive Bewirtschaftungspotential
ermittelt. Ausgehend von der Tatsache, das die Eigentümer und / oder die
Nutzer der Grundstücke und Bauwerke sowie die Betreiber ihre Immobilie
häufig in Eigenregie bewirtschaften, wird die These vertreten, wenn
diese Leistungen über den Markt bezogen würden, so ergäbe sich für den
Immobiliensektor rein rechnerisch eine weit höhere Umsatz- oder
Wertschöpfungszahl. Dieser Netto - Bewirtschaftungskoeffizient liegt in
einer Spannbreite von 0,8 bis 1,2 Prozent. Daraus ergibt sich für das
Jahr 2003 bezogen auf das Nettoimmobilienvermögen ein fiktives
Bewirtschaftungspotential zwischen rund 58 und fast 87 Milliarden Euro.
Wird neben dem fiktiven Bewirtschaftungspotential eine Analyse der
Liefer- und Leistungsströme innerhalb der eng abgegrenzten
Immobilienwirtschaft zu den übrigen Wirtschaftszweigen sowie zu den
Komponenten der Endnachfrage erstellt, so muss hierbei auf die Daten aus
dem Jahr 2000 zurückgegriffen werden. Basierend auf diesem
Zahlenmaterial lag der Produktionswert des Grundstücks- und des
Wohnungswesens bei etwa 310 Milliarden Euro. Mit fast 243 Milliarden
Euro entfiel der größte Teil auf die Bruttowertschöpfung. In Deutschland
wurde im Jahr 1996 mit mehr als 160 Milliarden Euro im Zeitverlauf das
höchste Transaktionsvolumen mit Immobilien realisiert. Für das Jahr 2004
wird das Volumen auf etwa 114 Milliarden Euro geschätzt. Bis 1997 wurde
mit Eigentumswohnungen das höchste Transaktionsvolumen erzielt. Im Jahr
2004 lag dieses bei 28 Milliarden Euro. Seit 1997 haben die Eigenheime
die Spitze übernommen. So lag das Volumen im Jahr 2004 bei 38 Milliarden
Euro. Wird nach dem Grad der Beschäftigung in der Immobilienwirtschaft
gefragt, so ist zu konstatieren, das laut der ifo Studie durch die
Bereitstellung von Immobiliennutzungen, die Erweiterung, die
Modernisierung und die Substanzerhaltung des Bauwerksbestandes im Jahr
2000 etwa 3,6 Millionen Arbeitsplätze erforderlich waren. Dies
entspricht etwa einem Anteil von einem Zehntel aller Erwerbstätigen.
Stellt sich abschließend die Frage nach den langfristigen
Zukunftsperspektiven für die Bau- und die Immobilienwirtschaft, so ist
gemäß Studie darauf hinzuweisen, das vor dem Hintergrund einer räumlich
differenzierten Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung von sehr
unterschiedlichen Entwicklungspfaden in den einzelnen
Immobilienmarktregionen ausgegangen werden kann. Um Fehleinschätzungen
zu vermeiden, ist die Verfügbarkeit von umfassenden, konsistenten
statistischen Informationen auch auf regionaler Ebene von großem Nutzen.
So sollte es das Ziel aller in der Immobilienwirtschaft Tätigen sein,
die Immobilienwirtschaft in den offiziellen Systematiken zu verankern.
Der statistische Begriff des "Grundstücks- und Wohnungswesens" wäre zu
erweitern. Ferner gibt es Anzeichen dafür, dass sich der Strukturwandel
in der Immobilienwirtschaft als ein wichtiger Teil des
Dienstleistungssektors mit hohem Tempo fortsetzen wird. Der Anteil der
erfassten Immobilienleistungen und damit die Bruttowertschöpfung der
Immobilienwirtschaft und ihr Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt werden
weiter zunehmen. Für die genauere Beobachtung dieser Entwicklungen in
der Immobilienwirtschaft fehlen aussagekräftige Daten, mit denen
differenzierte Analysen zu bestimmten Sachverhalten bzw.
Problemstellungen mit anspruchsvollen Methoden durchgeführt werden
können. Hier sollten Politik und Verbände gemeinsame Anstrengungen
unternehmen, um möglichst auf europäischer Ebene entsprechende
Verbesserungen im Bereich der Statistik zu erzielen.
Träger |
Gesellschaft für Immobilienwirtschaftliche Forschung
e. V. (gif) |
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Förderer/
Kooperationspartner |
Bundesarbeitsgemeinschaft der Deutschen
Immobilienwirtschaft

 
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Bündelungsinitiative der Deutschen
Immobilienwirtschaft "Mit einer Stimme", |
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immoebs Verein der Ehemaligen und Förderer der
Post-Graduierten-Studiengänge zur Immobilienökonomie an der European
Business School e.V., |
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RICS Deutschland e.V., |
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Deutscher Verband für Wohnungswesen, Städtebau und
Raumordnung e.V. |
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Bundesministerium für Verkehr, Bau und
Stadtentwicklung |
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Wissenschaftliche Begleitung |
Professor Dr. Hans-Werner Sinn, ifo Institut München |
Projektlaufzeit |
Ende 2004 - Mitte 2005 |
Publikation |
Abschlußbericht |
(1)
Gutachten:
"Die volkwirtschaftliche Bedeutung der Immobilienwirtschaft", ISSN
1611-4051.
Die hier vorliegende Zusammenfassung
basiert auf der Kurzfassung von Diplom - Geograph Hartmut Bulwien,
Präsident der Gesellschaft für Immobilienwirtschaftliche Forschung e.V.
(gif). Dass Gutachten wurde seinerzeit auf Initiative der Gesellschaft
für immobilienwirtschaftliche initiiert und an das ifo Institut für
Wirtschaftsforschung e. V. an der Universität München vergeben.
Die Langfassung des Gutachtens kann bezogen werden bei der Gesellschaft
für Immobilienwirtschaftliche Forschung gif e.V., Kontakt:
info@gif-ev.de
(zurück zum Text ...)
(2) Die produzierten Vermögensgüter
werden in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechung (VGR) erfasst und zum
Kapitalstock bzw. zum Volksvermögen aggregiert. Die darin enthaltenen
Bauwerkbestände bestimmen maßgeblich die gesamtwirtschaftliche Bedeutung
der Immobilienwirtschaft. Niveau und Entwicklung sowie Veränderung der
Struktur dieser Bestände werden von den Volkswirtschaften nicht
vollständig erfasst.
(zurück zum Text ...)
(3) Für die Abschätzung des Wertes der
bebauten Grundstücke wird mangels realitätsnaher Grundstückspreise auf
die amtlich nachgewiesenen durchschnittlichen Kaufwerte für Bauland
zurückgegriffen. Verwendet man die für das Baugebiet geeigneten Angaben
für die Unterkategorien der Siedlungs- und Verkehrsflächen so erhält man
1.684 Milliarden Euro als Schätzwert, für die bebauten Grundstücke einen
Wert von 2 Billionen Euro.
(zurück zum Text ...)
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